Wenn ich mich gegen das hiersige Staatsfernsehen ORF ausspreche und seine Zwangsgebühren-Politik kritisiere, wird mir als Gegenargument oft genannt, dass die Bürger doch einen “neutralen” Fernsehsender, der “unabhängig” von der Wirtschaft ist, bräuchten. Dass aber auch ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender niemals frei von Manipulation und einseitiger Meinungsmache ist, sollte jedem einleuchten – und wurde im heutigen “Report” (ORF 2) wieder einmal eindeutig bewiesen.
In einem Beitrag ging es um die neuen Gleichstellungsgesetze von Mann und Frau, die unter anderem zum Inhalt haben sollen, dass Unternehmen Gehaltsdetails und damit etwaige Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Entlohnung aufdecken müssen – und bei Verweigerungen bzw. “negativem” Ergebnis mit Verwaltungsstrafen zu rechnen haben.
Neben der Verlautbarung ein paar allgemeiner Infos kommt auch eine Rechtsanwältin zu Wort, die sich für die Gleichstellung von Frauen im Beruf einsetzt. Es folgen Straßeninterviews, deren Ergebnisse zwischen “eh eine gute Idee” und Ahnungslosigkeit von Alternativlösungen schwanken, anschließend eine positive Beschreibung des schwedischen Modells, das uns in Sachen Etatismus wie immer voraus ist. Diverse schwedische Unternehmen, die auch in Österreich Filialen besitzen (IKEA und H&M), wollte die Redaktion zur Gehaltstransparenz in deren Betrieb befragen, doch die bösen Manager wollten dazu keine persönliche Stellungnahme abgeben.
Interessant wird es im Studio, als Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und ein Vertreter der Privatwirtschaft, Herbert Paierl, das Thema diskutieren. Dort darf die Ministerin lang und breit ihr Modell vorstellen, Gegenargumente bezüglich mehr Bürokratie mit einem mitgebrachten und hergezeigten “Fragebogen” widerlegen und ihre Vorschläge minutenlang erläutern und verteidigen. Ihr Konterpart Paierl scheint argumentativ hingegen nicht sonderlich gefestigt und plädiert andauernd nur auf “Belohnung statt Strafe”. Argumente, wonach Frauen tendenziell eher auf Anstellungssicherheit und damit geringere Gehälter aus sind, wohingegen Männer das Risiko und damit auch bessere Entlohnung präferiern (Studien weisen darauf hin), kommen gar nicht erst ins Spiel. Auch die grundsätzliche Autonomie von Unternehmen als ethischer Grundsatz wird nicht angesprochen, ebensowenig spricht sich Paierl für mehr Engagement der Frauen selbst bei Gehaltsverhandlungen und dem Vergleichen von womöglich ungerechter Lohnverteilung aus. Entweder, weil ihm das nicht eingefallen ist, oder aber – hierin liegt meine Vermutung – weil er nicht als “Frauenfeind” in der Öffentlichkeit dargestellt werden wollte.
Conclusio: Es braucht unbedingt und dringend mehr Gleichberechtigung, wobei Paierl für Appeasement-Politik und Heinisch-Hosek ja eh noch nicht für Strafen ist, aber nach zwei Jahren dann schon ist. Echt liberale oder unternehmerfreundliche Argumente sucht man in dieser Scheindebatte, zu der natürlich auch die tendenziell frauenministerinfreundlichen Fragen der Moderatorin beigetragen haben, vergeblich.
Kurzum: Egal, wie man zum Thema “Lohntransparenz” steht, einen objektiven Beitrag dazu konnte man vom angeblich neutralen ORF heute nicht bekommen. Unter wertungsfreiem Journalismus, für den der ORF ja auch stehen soll, verstehe ich jedenfalls nicht das bewusste Verschweigen von Gegenargumenten zugunsten einer Werbesendung für die Vorstöße der Frauenministerin.



