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Zum schwarzen Sommerloch

24. Juli 2009 von Mathias · Gesellschaft, Politik

Das Sommerloch füllt derzeit eine Debatte, wie sie typischer nicht sein könnte. Anstoß des multimedial verbreiteten Aufregers ist eine Kampagne des Eisherstellers Eskimo, der seine neue Sorte “Mohr im Hemd” mit dem Spruch “I will mohr” vor allem über Plakate bewirbt. (Der “Mohr im Hemd” ist eine in Österreich weit verbreitete Süßspeise und nicht etwa eine Kreation der Eisfirma.) Die obersten Moralwächter der Nation attestieren dem Mutterkonzern Unilever deswegen nun “Rassismus” – und ihre Thesen von der “sprachlichen Unterdrückung” stützen sie vor allem auf die Aussage eines selbsternannten Sprechers der Black Community, Simon Inou, der darin “eine der schwersten Beleidigungen” sieht. Auch die heimische Bloggergemeinschaft hat dementsprechend reagiert; so schrieb etwa Andreas Lindinger einen offenen Brief an die Werbeverantwortlichen, den er mit Sätzen wie “gerade in Zeiten steigender rassistischer und rechtsextremistischer Vorfälle in diesem Land würde ich mir [...] erhoffen, dass [Unilever] den Mut aufbringt, sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen.” Also so, als ob das Unternehmen quasi mit schuld daran wäre, dass in Österreich echte rassistische Verbrechen geschehen oder aber diese tolerieren oder fördern würde.
Das Kritische an dieser Debatte ist also weniger, dass der Rassismus-Vorwurf ins Spiel gebracht wird und die Werbekampagne auf ihre politische Korrektheit hin angezweifelt wird. Das ist schließlich das gute Recht eines jeden freien Bürgers. Kritisch und hinterfragenswert ist bloß, dass die Entsprechenden wieder einmal mit der Nazi-Keule nur so um sich schlagen – ganz nach dem Motto “Zweifler sind doch alles Faschisten!”

Denn gute Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Gegenkampagne gibt es durchaus. Der ist meines Erachtens nach vor allem auf sprachlicher Ebene zu lokalisieren, konkret in der Überbewertung von Konnotation bei gleichzeitiger Unterbewertung von Intonation und Kontext: Das Wort “Mohr” wird für sich stehend als abwertende Bezeichnung kritisiert, ohne jedoch den eindeutig nicht rassistischen Zusammenhang zu berücksichtigen. Schließlich fährt Unilever ja keinen Affront gegen Mitbürger schwarzer Hautfarbe oder ist gar bewusst auf Beleidigung aus, sondern bewirbt mittels einer gängigen Bezeichnung eine neue Eissorte, die laut der Pressesprecherin bei einer vorhergehenden Überprüfung auch “ausschließlich” mit der österreichischen Mehlspeise assoziiert wurde. Etwas anderes hätte mich auch gewundert, da einerseits dieser Zusammenhang (als Teil von “Mohr im Hemd”) kaum eine andere geistige Verknüpfung zulässt, andererseits Eskimo bzw. Unilever nicht für rassistische Übergriffe (auch sprachlich gesehen) bekannt sind. Zugunsten der überbewerteten historisch-negativen Konnotation werden also die beiden anderen genannten Faktoren – Intonation des Sprechers sowie der Kontext, in den der Begriff eingebunden ist – bewusst ausgeblendet. Diese Versteifung auf “Mohr” als “böses Wort” lässt aber an der ernsthaften Betroffenheit zweifeln, ebenso wie am Differenzierungsvermögen jener, die sich als Rächer der Entrechteten aufspielen.

“Was beleidigend ist, definiert immer noch der Beledigte selbst” – meint Philipp Sonderegger, Pressesprecher von SOS Mitmensch, womit er prinzipiell natürlich Recht hat. Nur: Ob die restliche Gesellschaft das Beleidigtsein auch anerkennt, ist eine ganz andere Frage. Und genau um die geht es, wenn von Eskimo verlangt wird, sie mögen die Kampagne beenden, sowie von sämtlichen Bürgern, die Bezeichnung “Mohr im Hemd” aus ihrem Sprachschatz zu streichen. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert aber ganz und gar nicht nach dem Prinzip, wonach sämtliche Wünsche beliebiger Minderheiten von der Mehrheit auch akzeptiert werden müssen. (Das gilt umgekehrt natürlich genauso, ist hier aber nicht relevant.) Es steht außer Frage, dass die Betroffenen ihre Anliegen an die Mehrheitsgemeinschaft äußern dürfen. Bei einer Nichtakzeptanz aber gleich mit “Rassismus” und “Faschismus” anzutanzen, ist eine Hysterie, die im politischen Diskurs nichts zu suchen hat. Die Schuld kann man hier absurderweise aber nicht einmal den Black-Community-Vertretern geben, sondern ihren weißen Mitkämpfern, die eine derart irrelevante Debatte an die Spitze treiben.

Um zum Schluss aber noch ein paar Dinge klarzustellen: Es geht mir nicht um die zwanghafte Erhaltung eines bestimmten Begriffes. Wenn die gesamte Sprachgemeinschaft bzw. ein Großteil beschließt, das Wort “Mohr” vollständig zu verwerfen, ist das kein Übel. Auch soll der Anspruch einer bestimmten Gruppierung auf respektvolle Behandlung durch die restliche Bevölkerung nicht untergraben werden.
Nichts anfangen kann ich aber einerseits mit übertriebenen Kampfbegriffen, um eine vermeintlich moralische Überlegenheit zu untermauern, andererseits mit der bewussten Ignoranz und Diffamierung plausibler Argumente, wenn sie dem Political-Correctness-Mainstream, der mittlerweile so gut wie alle Linken erfasst hat, entgegenlaufen. Genau das ist aber leider die gängige Herangehensweise bei diesem und ähnlichen Themen: Vom Zeitgeist getrieben wird versucht, es allen Minderheiten möglichst recht zu machen, ohne die Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft zu berücksichtigen. Dabei sollte das Ziel doch eine Aufhebung dieser spaltenden Umstände sein, nach der niemand mehr oder weniger Rechte besitzt, weil er einer bestimmten Gruppierung angehört. Ohne es zu bemerken verstärken die Gutmenschen die derzeitigen Verhältnisse aber noch: Und zwar indem sie nicht nur einen künstlichen Aufreger provozieren, der einfach gestricktere Geister (von denen es viel zu viele gibt) vor allem entzürnt, sondern zusätzlich noch eine umgekehrte Privilegisierung forcieren, die sie eigentlich aufheben wollen.

Siehe auch
» BäckBlog: PC
» Feuerhaken: Captain Gutmensch rettet die Welt
» Zwischenruf: Geht’s bald auch den Schwedenbomben an den Kragen?
» 200€ fürs Sommerloch!

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Bisher 13 Kommentare ↓

  • Thomas

    Ich kann mir nicht helfen, ich versteh die “Was Diskriminierung ist, bestimmen die Betroffenen” Position einfach nicht. Seit wann ist es ok, wenn Betroffene quasi recht sprechen? Und wenn der Begriff Diskriminierung versubjektiviert wird, hat er nicht nur in der staatlichen Rechtssprechung jede Bedeutung verloren…

  • Andy

    Auch die heimische Bloggergemeinschaft hat dementsprechend reagiert…

    Na bitte, nicht alle auf einen Haufen kehren bitte:
    http://www.alteknacker.at/2009/07/24/200e-furs-sommerloch.html

  • Offener Brief betreffend “I will mohr” | Andreas Lindinger

    [...] Michel Reimon, Dominik Leitner und Philip Steiner einerseits bzw. Gerald Bäck,  Andy Gabmeyer, Mathias Baumgart, Thomas Knapp und Tom Kalkus andererseits. VN:F [1.1.6_502]bitte warten…Bewertung: 3.2/5 (16 [...]

  • Mathias

    @Andy:
    Darum hab ich unten ja auch einige Gegenbeispiele verlinkt. ;) Nehme deinen Eintrag gerne mit dazu.

  • Andy

    Sorry, hatte ich übersehen….

  • Philipp Sonderegger

    “Mohr im Hemd” wird von Menschen schwarzer Hautfarbe als verletzend empfunden. Simon Inou hat das auf Anfrage von FM4-RedakteurInnen ausgesprochen.

    Unilever hätte diese Kampagne vermutlich nicht gestartet, wenn die Leute dort von diesem Sachverhalt gewußt hätten. Unilever will glaubhaft niemanden bleidigen. Deshalb wäre es auch falsch den EntscheiderInnen dort ein rassistisches Motiv zu unterstellen.

    *** Was hat das Ganze dann mit Rassismus zu tun?

    Von der schwarzen Community wurden mehrere Kampagnen gegen vorurteilsbehaftete Produktbezeichnungen organisiert. Aufgrund der gesellschaftlichen Position schwarzer Menschen wurde dieses Anliegen vom Mainstream offenbar nicht wahrgenommen.

    Das liegt auch daran, dass schwarze Menschen systematisch diskriminiert werden und u.a. nicht den selben Zugang zu Öffentlichkeit haben, wie Weiße.

    (Systematische Diskriminierung liegt vor, wenn individuelle Diskriminierung derart gehäuft auftritt, dass nicht mehr von einem Zufall gesprochen werden kann. Wenn eine systematische Diskriminierung auf der Hautfarbe beruht, dann bezeichne ich das als strukturellen Rassismus und das habe ich in meinem Blog-Beitrag auch klar gemacht.)

    *** Warum kann eine systematisch diskriminierte Bevölkerungsgruppe nicht wie eine “beliebige Minderheit” behandelt werden?

    1) Um die systematische Diskriminierung zu beenden, muss die Allgemeinheit aktiv dagegen vorgehen, von selbst wird sie nicht verschwinden. Nimmt eine Gesellschaft strukturelle Ungleichheit in Bezug auf Teilnahme an der demokratischen Willensbildung hin, unterläuft sie den demokratische Anspruch, der auf prinzipieller Gleichheit beruht.

    2) Mit wahrscheinlich systematisch diskriminierten Menschen sollte besonders Umsichtig umgegangen werden, weil wir damit zum Ausdruck bringen, dass uns ihre Situation bewußt ist und anerkennen. Der Hinweis auf eine Verletzung, sollte ernst genommen und respektiert werden. Das ist noch kein Anerkennung einer Diskriminierung, wie Mathias ausführt. Die Intention der Sprecherin ist das eine, und die Wirkung beim Empfänger ist nämlich das andere. (Ich habe nicht gesagt Betroffene bestimmen, was eine Diskriminierung ist, @Thomas)

    Nur zur Sicherheit: Niemand muss sich vor Schwarzen in den Staub legen. Man soll auch in Bezug auf die Analyse von Rassismus unterschiedlicher Meinung sein.

    *** Wofür trägt Unilever Verantwortung?

    Offenbar teilt auch Unilever diesen Ansatz und das ist auch der Punkt, wo ich den Konzern-Verantwortlichen einen Vorwurf mache: Es reicht nicht sich zu “Diversity” zu bekennen und dann niemanden in der Firma zu haben, der auf den rassistischen Bedeutungsgehalt des Begriffs oder zumindest auf die Befindlichkeit der Betroffenen hinweist. Dem Bekenntnis müssen Taten folgen, sonst ist der Code of Conduct Augenauswischerei!

    Dass Unilever hingegen einen vorurteilsbehafteten Begriff verwendet, ohne sich bewußt zu sein, wie er von Menschen schwarzer Hautfarbe augenommen wird (was wahrscheinlich auf 80% der Bevölkerung zutrifft) werfe ich ihnen wahrscheinlich nicht einmal vor, bedauere es aber zutiefst.

    Dass du, Mathias, Simon Inou als “selbsternannten Sprecher” zu desavouieren versuchts, finde ich seltsam und lehne ich im Sinne des oben gesagten ab.

    Inou hat nichts anderes getan, als diesen Satz zu sagen: “Solche Wörter sind für Schwarze im deutschsprachigen Raum eine der schwersten Beleidigungen. Wenn sie das einfach plakatieren, das wiederholt die Stereotype, die innerhalb der Gesellschaft schon präsent sind. Das ist wirklich schade.”

  • Mathias

    Von der schwarzen Community wurden mehrere Kampagnen gegen vorurteilsbehaftete Produktbezeichnungen organisiert. Aufgrund der gesellschaftlichen Position schwarzer Menschen wurde dieses Anliegen vom Mainstream offenbar nicht wahrgenommen.

    Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Mehrheitsbevölkerung keinen triftigen Grund sieht oder schlichtweg keine Lust hat, auf die Bezeichnung “Mohr im Hemd” zu verzichten. Nicht alles, was im demokratischen Prozess keine mehrheitliche Beachtung findet, ist auf “Diskriminierung” oder “Ausgrenzung” zurückzuführen. Manchmal interessiert es die Leute auch schlichtweg nicht.

    Das liegt auch daran, dass schwarze Menschen systematisch diskriminiert werden und u.a. nicht den selben Zugang zu Öffentlichkeit haben, wie Weiße.

    Wie das? Schwarze dürfen sich genauso wie jede andere Bevölkerungsgruppe öffentlich äußern, über Medien publizieren, Vereine gründen, Anliegen ans Parlament aussenden etc. Da würden mich ein paar Beispiele interessieren, wo Schwarze aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.

    Mit wahrscheinlich systematisch diskriminierten Menschen sollte besonders Umsichtig umgegangen werden, weil wir damit zum Ausdruck bringen, dass uns ihre Situation bewußt ist und anerkennen. Der Hinweis auf eine Verletzung, sollte ernst genommen und respektiert werden. Das ist noch kein Anerkennung einer Diskriminierung, wie Mathias ausführt. Die Intention der Sprecherin ist das eine, und die Wirkung beim Empfänger ist nämlich das andere. (Ich habe nicht gesagt Betroffene bestimmen, was eine Diskriminierung ist, @Thomas)

    Aber ich erkenne doch an, dass sich manche Schwarze – für mich jedoch unverständlich, aber das tut nichts zur Sache – von der Bezeichnung “Mohr im Hemd” angegriffen fühlen. Nur: Was sind die Resultate, die dem folgen sollen? Das Streichen des Begriffes “Mohr im Hemd” aus unserem Sprachschatz (am besten noch staatlich diktiert) und die Denunziierung sämtlicher Widerstand Leistender als “Rassisten” – aufgrund der Befindlichkeiten einer Minderheit? Oder wären z.B. ein Boykott des Produktes sowie friedliche Gegenaktionen seitens der Betroffenen nicht eine weitaus bessere Antwort auf das Problem?

    Inou hat nichts anderes getan, als diesen Satz zu sagen: “Solche Wörter sind für Schwarze im deutschsprachigen Raum eine der schwersten Beleidigungen. Wenn sie das einfach plakatieren, das wiederholt die Stereotype, die innerhalb der Gesellschaft schon präsent sind. Das ist wirklich schade.”

    Das weiß ich. Gerade dieses Satzes wegen komme ich allerdings zur Vermutung, dass Inou für eine große Bevölkerungsgruppe spricht, ohne aber die Meinung der Mehrheit zu diesem Thema eingeholt zu haben – denn das ist in derart kurzer Zeit schlichtweg unmöglich. Sehr wahrscheinlich ist, dass er und einige Freunde/Bekannte/Community-Mitglieder die Sätze unterstreichen würden. Das gibt ihm aber noch lange nicht das Recht, für sämtliche Schwarze Österreichs zu sprechen. Genau diesen Anschein hat die Aussage aber – und das ist der Punkt, den ich mit meiner “Desavouierung” kritisiere.

  • Jetzt hat der Neger sich eine Banane verdient… - Feuerhaken.org

    [...] Ich habe auf die aufkeimende Debatte mit dem doch recht polemischen Eintrag “Captain Gutmensch rettet die Welt” reagiert, der Zwischenrufer mit Humor, Andy der alte Knacker mit einem Gewinnspiel und Mathias mit dem Versuch, Vernunft in die Debatte einzubringen. [...]

  • Philipp Sonderegger

    Da würden mich ein paar Beispiele interessieren, wo Schwarze aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.

    Bin grad etwas im Stress, drum kann ich dir jetzt nichts raussuchen. Berichte findest du hier:
    http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/ecri/default_en.asp
    http://fra.europa.eu/fraWebsite/home/home_en.htm
    http://www.enar-eu.org/
    http://www.zara.or.at/

    Nur: Was sind die Resultate, die dem folgen sollen?

    Das Menschen guten Willens den Begriff nicht verwenden.

    Wenn ich Unilever wäre, würde ich die Kampagne einstellen, ein paar Leute aus der Community einladen und gemeinsam entwickelte Projekte finanzieren, um dem Diversity-Anspruch auch gerecht zu werden.

    Das gibt ihm aber noch lange nicht das Recht, für sämtliche Schwarze Österreichs zu sprechen.

    Inou hat nicht für die Community gesprochen, sondern für sich. Von “der” Community habe ich gesprochen. Ich habe mir diese Verkürzung erlaubt, weil ich ungefähr einen Überlick habe, wer dort die handelnden Personen sind und welche Projekte dort gemacht wurden. Ich kann dir drei nennen, die sich explizit gegen das Wort “Mohr” gerichtet haben, aber keines dafür.

  • Hey, Unilever, show respect! « beta thoughts by michel reimon

    [...] also change the name of the product. Not because of the growing discussion (1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12|13) or the already forming protest. It should do so out of respect. That has to be reason [...]

  • Das ist der erste Testartikel « news around organization and communication

    [...] also change the name of the product. Not because of the growing discussion (1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12|13) or the already forming protest. It should do so out of respect. That has to be reason [...]

  • DER MOHR IM HEMD - SPRACHLICHER RASSISMUS

    [...] Mathias Baumgart: Zum schwarzen Sommerloch [...]

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