
Nun gibt es sie also doch, die Atheisten-Kampagne in Österreich, wenngleich entgegen des geflügelten Wortes nicht mehr als “Buskampagne”, sondern auf den City Lights der GEWISTA. Auch das entsprechende Echo ließ nicht lange auf sich warten – so tituliert die Gratis-Postille heute bereits diesen Morgen ihre aktuelle Ausgabe mit der (rhetorischen?) Frage: “Plakate gegen Gott: Darf das denn sein?” und schreibt mit der gewohnt fehlenden Objektivität von einer Kampagne “FÜR Atheismus und GEGEN Gott”. Zu Wort kommen lässt sie einen der “Hunderten verärgerten Wiener”, der den Initiatoren rät, doch mit “‘Allah ist tot’-Plakaten durch Bagdad zu fahren” und dabei unbewusst die religiöse Ignoranz einer Theokratie mit dem Klima hierzulande vergleicht. Zugute halten kann man heute nur, dass sie den “schärfsten” Slogan (”Es gibt keinen Gott – Gutes tun ist menschlich”) großformatig neben der Geschichte abdruckt und somit für weitere direkte Werbung sorgt.
Besser sieht es schon in der Presse aus – zwar gibt es auch dort vor allem intelligenzfreie Häme von Chefredakteur Michael Fleischhacker, der entsprechende Artikel ist aber zumindest einer Qualitätszeitung würdig und obendrein findet sich gleich daneben ein zutraulicher Kommentar von Almuth Spiegler. Der Standard hält sich ungewohnterweise mit der Berichterstattung zurück, aber vielleicht kommt da noch was.
Welche Bilanz lässt sich also zur Kampagne ziehen?
Zuallererst muss festgehalten werden, dass es bisher lediglich drei Sujets sind, die am unteren Ende der Mariahilferstraße ausgestellt wurden – und dennoch eine enorme Wirkung zeigen. Ob die gewünschte, ist eher fraglich, denn leider zeigt die Initiative vor allem, dass das Gros der Österreicher noch nicht reif genug ist, sich mit als kontrovers empfundenen Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Von einer “Beleidigung” ist oftmals die Rede, einem intoleranten Angriff auf religiöse Gefühle. Dabei wird nichts anderes getan, als mit Bestimmtheit und Witz eine Meinung zu glaubensbezogenen Sachverhalten zu publizieren – also genau dasselbe, was Kardinal Schönborn und seine Kirche zu Weihnachten und Ostern großflächig getan haben. Es ist bezeichnend, dass sich damals nicht nur kaum jemand beschwert hat, sondern auch der österreichische Werberat sich erst durch die Atheisten-Kampagne dazu bemüßigt gefühlt hat, künftig die Kompatibilität veröffentlichter Inserate mit den religiösen Befindlichkeiten der Allgemeinheit zu überprüfen. Immerhin stimmte – noch – eine knappe Mehrheit für das Prinzip der Religionsfreiheit, das – man möchte fast sagen gnädigerweise – auch die Meinung von Atheisten betrifft.
Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Aussagen diverser Kirchenvertreter. Ein oft zitierter Satz ist derzeit jener von Erich Leitenberger, dem Sprecher der Erzdiözese Wien, der sich auf Friedrich Nietzsches – wie immer missverstandenen – Ausspruch “Gott ist tot” bezieht und dabei feststellt, dass “sich mittlerweile herausgestellt hat, Nietzsche ist tot und Gott lebendig.” Abgesehen davon, dass es von Gott ebensowenig ein Lebenszeichen gibt wie von Nietzsche (und bei einer Berücksichtigung des Prinzips, wonach das lebendig ist, worüber gesprochen wird, Nietzsche wiederum sehr wohl am Leben ist), ist ein anderer Satz in Wirklichkeit von viel größerer Bedeutung – nämlich jener britischer Methodisten, die von sich gaben, dass “unser Gegner nicht der Atheismus, sondern die Apathie [ist]“.
Damit dürften sie wohl Recht haben, denn sobald niemand mehr über Gott spricht, respektive sich für diese Idee interessiert, kann man tatsächlich von einer Beerdigung des Glaubens sprechen. Dass dies aber nicht im primären Interesse österreichischer Atheisten liegt, wird schnell deutlich, hört man sich zur Abwechslung auch einmal deren Erläuterungen an. Ihnen geht es nämlich vor allem um eine rechtliche Gleichstellung Gläubiger, Ungläubiger und solcher, die einen staatlich nicht anerkannten Glauben pflegen. Diese ist selbst im angeblich säkularen Österreich mitnichten gegeben, denkt man beispielsweise an die Subventionierung von Religionslehrern, glaubensbasierten Lehrgängen oder ganz allgemein kirchlichen oder kirchennahen Vereinen. Dass die Beleidigung “religiöser Gefühle” mit bis zu sechs Monaten Gefängnis geahndet werden kann, ist dabei nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Spannend bleibt, wie sich die Causa entwickelt. Um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen, müsste – trotz der schon jetzt vergleichsweise überwältigenden Resonanz – deutlich mehr Öffentlichkeitsarbeit erfolgen. Diese kostet in den meisten Fällen Geld, eine offensive Spendenkampagne wurde jedoch noch nicht eingerichtet.
Obwohl Niko Alm als Hauptfinancié und -orgnisator der Aktion sicherlich zurecht die Entscheidungen trifft, wäre auch ein wenig mehr Mitspracherecht von Unterstützerinnen und Unterstützern wünschenswert – also in etwa so, wie es die deutsche Buskampagne mit ihrer Slogan-Wahl vorgemacht hat.
Und zu guter Letzt müssen natürlich alle Befürworter der Bestrebungen am Ball bleiben – auf dass sich die Thematik nicht so schnell wieder verliert, wie sie an die Öffentlichkeit getreten ist.
Links
» Atheist Bus Campaign Austria
» Auch der Zwischenrufer meldet sich zu Wort



Auch bei uns in Deutschland freuen sich viele Christen völlig unbekümmert darüber, dass alle Verkehrsbetriebe, die gefragt wurden, die Buskampagne abgelehnt haben.
Alles gute Demokraten, die jederzeit für die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit eintreten. Es sei denn, sogenannte Atheisten würden ihre Meinung öffentlich kundgeben wollen.
Mathias, vielen Dank für den ausgezeichneten Kommentar zu den jüngsten Ereignissen.
Zu den Ratschlägen im letzten Absatz möchte ich kurz noch etwas direkt sagen:mehr Öffentlichkeitsarbeit. Stimmt natürlich immer. Wir tun aber vergleichsweise sehr viel. Ich selbst hab glaub ich schon an die 10 Interviews gegeben und angesichts der eingesetzten Ressourcen erreichen wir ziemlich viel. Spenden tröpfeln ein, kann aber mehr sein, und wir werden das auch forcieren.
Zur Frage der Mitbestimmung: Ich glaub da liegst du falsch. Alle UnterstützerInnen sind eingebunden so gut es geht. Wenn die Zeit eng wird (wie meistens) werden Entscheidungen aber auch einfach getroffen, sonst passiert gar nichts außer permanente Diskussion.