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Das Verletzen atheistischer Gefühle

20. Juli 2009 von Mathias · Religion

In ihrer atypisch fehlenen Objektivität veröffentlichte das Gratisblatt heute in ihrer Montags-Ausgabe eine handvoll Leserbriefe zu den “Anti-Gott-Plakaten”, die allesamt dem Grundtenor “Frechheit!” folgen bzw. die Zeitung an sich loben, weil sie jede Woche Kardinal Schönborn Raum für christlich-reaktionäre Gedanken aller Art bietet und dann ausnahmsweise mal über die Plakate “FÜR Atheismus und GEGEN Gott” berichtet.

Hier zwei Zitate, die in ihrer Verschmelzung einen interessanten Effekt bieten:

Ich in der Ansicht, jeder Mensch soll glauben und denken dürfen, was er will. Aber niemand soll andere provozieren!

und

Für uns als Christen ist es eine Zumutung, dass Texte, die die Existenz Gottes leugnen, öffentlich angebracht werden. Diese Plakate verletzten die religiösen Gefühle auch Angehöriger anderer Religionen.

Mir ist klar, dass es sich dabei um zwei verschiedene Schreiberlinge handelt. Es geht mir aber mehr um das Grundsätzliche, das in diesen Aussagen liegt: Nämlich dass der Atheismus einerseits eine legitime Weltanschauung ist, die sich mit dem Glauben auseinandersetzt (”Religion” ginge zu weit), andererseits das “Verletzten religiöser Gefühle” gegenüber Atheisten offenbar nicht gilt.
Denn wie lässt es sich anders erklären, dass die von Kardinal Schönborn und der katholischen Kirche zu Weihnachten und Ostern inserierte Plakate, die die Existenz Gottes bzw. Jesu propagierten, zu keinem derartigen Aufschrei geführt haben? Müsste man nicht auch annehmen, damit die religiösen Gefühle von Ungläubigen verletzt zu haben?
Immerhin werden auf den Atheisten-Sujets Gläubige weder direkt beleidigt, noch verhöht. Es wird lediglich bestritten, dass so etwas wie ein “Gott” – also eine bestimmte Idee bzw. ein Begriff – tatsächlich existiert. Eine im weltanschaulichen Diskurs legitime Ansicht – aber öffentlich ausgestellt wird daraus plötzlich eine “Beleidigung”. Ich kann nur Vermutungen anstellen, aber eine beläuft sich darauf, dass einige Gläubige sich deshalb angegriffen fühlen, weil sie sich zum ersten Mal mit der Existenzfrage überhaupt auseinandersetzen müssen. Es ist doch soviel bequemer, sich einfach auf die Heilslehre der Kirche zu verlassen – und dann kommen da plötzlich ein paar Aufmüpfige und stellen deren Grundthese infrage. Fast schon logisch, dass sich da die Vernunft ausstellt.

Gespannt darf man auf den Dezember sein – denn ich bin mir sicher, dass in dieser Zeit wieder das eine oder andere Plakat die Herrlichkeit Gottes verkünden wird. Werden dann einige Atheisten aufstehen und Klage erheben, weil die Dinger ihre (un-)religiösen Gefühle verletzen? Oder kann man davon ausgehen, dass Atheisten tendenziell eher auf dem Boden bleiben und Gegenmeinungen gelassener gegenüber treten?

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Bisher ein Kommentar ↓

  • Markus Otti

    Passt auch zur “Demokratiekrise”: Wenn die harmloseste Provokation schon als Beleidigung empfunden wird, kann es ja gar nie so etwas wie eine kritische Auseinandersetzung (womit auch immer) geben. Wobei es für einen Christen/Atheisten natürlich eine Zumutung ist, dass die Existenz Gottes öffentlich geleugnet/behauptet wird. Nur, das muss man halt aushalten: Widerspruch ertragen zu können ohne gleich nach Verboten zu rufen gehört nun wirklich zum kleinen Einmaleins des friedlichen demokratischen Zusammenlebens. Hierzulande ist wirklich viel zu oft von obskuren Gefühligkeiten die Rede, wenn eigentlich sachliche Argumentation gefragt wäre.

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