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Der ORF und seine Neutralität

30. Juni 2009 von Mathias · Medien

Wenn ich mich gegen das hiersige Staatsfernsehen ORF ausspreche und seine Zwangsgebühren-Politik kritisiere, wird mir als Gegenargument oft genannt, dass die Bürger doch einen “neutralen” Fernsehsender, der “unabhängig” von der Wirtschaft ist, bräuchten. Dass aber auch ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender niemals frei von Manipulation und einseitiger Meinungsmache ist, sollte jedem einleuchten – und wurde im heutigen “Report” (ORF 2) wieder einmal eindeutig bewiesen.

In einem Beitrag ging es um die neuen Gleichstellungsgesetze von Mann und Frau, die unter anderem zum Inhalt haben sollen, dass Unternehmen Gehaltsdetails und damit etwaige Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Entlohnung aufdecken müssen – und bei Verweigerungen bzw. “negativem” Ergebnis mit Verwaltungsstrafen zu rechnen haben.
Neben der Verlautbarung ein paar allgemeiner Infos kommt auch eine Rechtsanwältin zu Wort, die sich für die Gleichstellung von Frauen im Beruf einsetzt. Es folgen Straßeninterviews, deren Ergebnisse zwischen “eh eine gute Idee” und Ahnungslosigkeit von Alternativlösungen schwanken, anschließend eine positive Beschreibung des schwedischen Modells, das uns in Sachen Etatismus wie immer voraus ist. Diverse schwedische Unternehmen, die auch in Österreich Filialen besitzen (IKEA und H&M), wollte die Redaktion zur Gehaltstransparenz in deren Betrieb befragen, doch die bösen Manager wollten dazu keine persönliche Stellungnahme abgeben.

Interessant wird es im Studio, als Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und ein Vertreter der Privatwirtschaft, Herbert Paierl, das Thema diskutieren. Dort darf die Ministerin lang und breit ihr Modell vorstellen, Gegenargumente bezüglich mehr Bürokratie mit einem mitgebrachten und hergezeigten “Fragebogen” widerlegen und ihre Vorschläge minutenlang erläutern und verteidigen. Ihr Konterpart Paierl scheint argumentativ hingegen nicht sonderlich gefestigt und plädiert andauernd nur auf “Belohnung statt Strafe”. Argumente, wonach Frauen tendenziell eher auf Anstellungssicherheit und damit geringere Gehälter aus sind, wohingegen Männer das Risiko und damit auch bessere Entlohnung präferiern (Studien weisen darauf hin), kommen gar nicht erst ins Spiel. Auch die grundsätzliche Autonomie von Unternehmen als ethischer Grundsatz wird nicht angesprochen, ebensowenig spricht sich Paierl für mehr Engagement der Frauen selbst bei Gehaltsverhandlungen und dem Vergleichen von womöglich ungerechter Lohnverteilung aus. Entweder, weil ihm das nicht eingefallen ist, oder aber – hierin liegt meine Vermutung – weil er nicht als “Frauenfeind” in der Öffentlichkeit dargestellt werden wollte.

Conclusio: Es braucht unbedingt und dringend mehr Gleichberechtigung, wobei Paierl für Appeasement-Politik und Heinisch-Hosek ja eh noch nicht für Strafen ist, aber nach zwei Jahren dann schon ist. Echt liberale oder unternehmerfreundliche Argumente sucht man in dieser Scheindebatte, zu der natürlich auch die tendenziell frauenministerinfreundlichen Fragen der Moderatorin beigetragen haben, vergeblich.

Kurzum: Egal, wie man zum Thema “Lohntransparenz” steht, einen objektiven Beitrag dazu konnte man vom angeblich neutralen ORF heute nicht bekommen. Unter wertungsfreiem Journalismus, für den der ORF ja auch stehen soll, verstehe ich jedenfalls nicht das bewusste Verschweigen von Gegenargumenten zugunsten einer Werbesendung für die Vorstöße der Frauenministerin.

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Bisher 7 Kommentare ↓

  • Thomas

    Du wirfst dem ORF vor das der Paierl so schwach ist, wie er nunmal ist?

  • Mathias

    Nein, eher dem ORF, dass er keinen argumentativ stärkeren Gast einlädt bzw. die Moderatorin nicht auch Heinisch-Hosek-kritischere Fragen gestellt hat.
    Zudem beziehe ich mich in meinem Vorwurf gleichermaßen auf den sehr einseitigen Beitrag, der vor der Debatte gezeigt wurde.

  • sebastian

    Warum sollte es auf diesem Gebiet “Objektivität” oder “Wertungsfreiheit” geben, wenn es sie nirgends gibt?

  • Mathias

    Weil es so etwas wie journalistische Objektivität sehr wohl gibt. Sie zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, Vor- und Nachteile eines neuen Gesetzes gleichwertig darzustellen sowie ethisch Für- und Gegenargumentierende ausgewogen zu Wort kommen zu lassen. Mit einer “Wahrheitsfindung” hat das gar nichts zu tun, die darf sich natürlich jeder selbst bilden.

  • sebastian

    So leicht ist das alles nicht. Unsere Vorstellung davon, wie eine “objektive Berichterstattung” aussehen soll, ist im Kern immer schon perspektivisch und damit ist uns eine “Objektivität” oder “ausgewogene und gleichwertige Darstellung der Argumente” von vorne herein unzugänglich.
    Wenn man das ernst nimmt, wird man meines Erachtens nach, nicht mehr so über die Sache sprechen. Dann wäre vielleicht besser gewesen zu sagen “Argumente, die für mich persönlich einleuchtend sind, sind im Bericht nicht vorgekommen” statt “Die Berichterstattung war nicht objektiv”. Ich halte die erste Formulierung für hilfreicher, da sie explizit die kontingente Eigenposition miteinbezieht und Menschen, die anderer Meinung sind, keine unredlichen Arbeitsweisen unterstellt, bloß weil sie andere Aspekte betont haben.

  • Mathias

    In Sprachspielen außerhalb der Erkenntnistheorie weiß aber trotzdem jeder, was gemeint ist. ;)
    Natürlich könnte man in dieser Hinsicht an seinen Worten immer so lange herumdoktorn, bis jeder Aspekt gut genug beleuchtet wurde. Das ist im allgemeinen Sprachgebrauch aber relativ unnötig, denn dass eine “objektive Berichterstattung” zumindest bemühtermaßen das Aufzeigen von Pro- und Contra-Argumenten beinhaltet, ist jedem bewusst.

    Da sich deine Kritik offensichtlich aber eher auf die fehlende Möglichkeit der objektiven Festlegung dessen, was “ausgewogen” ist und was nicht, beruft, sei dazu gesagt, dass man über die Konsenstheorie der Wahrheitsfindung durchaus ermitteln kann, was als Argument für ein gewisses Gesetz gilt und was dagegen (und demzufolge auch, wie gleichwertige diese eingebaut wurden). Es geht mir ja gar nicht so sehr um irgendwelche speziellen Einzelaussagen, sondern um das Gesamtbild des Beitrags – oder würdest du dem unlängst veröffentlichten Krone-Interview mit den beiden Prölls ebenfalls nicht einseitige Berichterstattung, sondern lediglich das “Betonen anderer Aspekte” attestieren? Das ginge dann doch ziemlich an der Realität vorbei, und das ist sogar einem Herrn Dichand bewusst.

  • Thomas

    Man kann statt objektiv einfach fair oder gleichberechtigt sagen, oder? Objektivität bedeutet ja als Forderung eigentlich immer eine Forderung nach dem größtmöglichen Bemühen um Objektivität, oder?

    Ich hab den Beitrag nicht gesehen, und ich find die Idee grenzdebil, dennoch halte ich nichts davon dem ORF die Schuld am Paierl zu geben. Der Rest ok, aber der Paierl hat den (völlig unbegründeten) Ruf eines schwarzen Wirtschaftsexperten und wäre daher eigentlich ideal gewesen.

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