Die neue Wertestudie “Die Österreicher innen” wurde kürzlich veröffentlich und ein Aufschrei geht durch die journalistische Landschaft. Demokratiefeindlich seien die Österreicher, politikdesinteressiert und ausländerfeindlich sowieso. Auch das “profil” hat es sich nicht nehmen lassen, die Studie ausführlich zu analysieren und schreibt – polemisch wie leider so oft – “50% ausländerfeindlich, 50% demokratiekritisch” auf ihre Titelseite.
Ohne auf jeden Aspekt der immerhin 300 Seiten starken Untersuchung eingehen zu wollen, stören mich insbesondere zwei Erörterungen der weitläufig gestellten Analyse. Vorneweg: Dass ein Fünftel (21%) der Bevölkerung einen “starken Mann” an der Spitze will, ist natürlich besonders bedenkenswert. Hier müsste man natürlich weiter fragen und feststellen müssen, ob damit ein echter Diktator oder “nur” so etwas wie ein Monarch, der mit einem Vetorecht ausgestattet ist, gemeint ist.
Interessanter ist allerdings die angebliche Demokratiefeindlichkeit. Zunächst muss festgehalten werden, dass es nicht 50, sondern 46 Prozent sind, die mit der Demokratie in Österreich unzufrieden sind und sich dabei noch in die 35%, die “ziemlich unzufrieden”, und die 11%, die “sehr unzufrieden” sind, aufteilen. Davon abgesehen steckt in dieser näheren Beschreibung bereits das Crux der ganzen Sache: Erwähnte 46 Prozent der Befragten sind nämlich mitnichten prinzipiell Demokratiemuffel, sondern nur mit der derzeitigen Praxis dieses Systems unzufrieden. Und das ist auch wenig verwunderlich, immerhin beschränkt sich der demokratische Einfluss des Volks hierzulande mehrheitlich auf Demonstrationen, unverbindliche Unterschriftenlisten und ein Kreuzchen, das einer Liste der Wahl für fünf Jahre das Vertrauen zur repräsentativen Machtausübung schenkt. Da kann man eigentlich sogar erwarten, dass der Souverän auf Dauer recht unzufrieden wird.
Die Lösung steckt selbstverständlich nicht in der jetzt vollzogenen moralischen Entrüstung und einer Schuldzuweisungen an die antidemokratischen Rechtsparteien, sondern in der Schaffung mehr partizipatorischer Möglichkeiten wie etwa Volksbefragungen, die dann auch tatsächlich politisches Gewicht haben. Oder, im Kleinen, auch die Förderung von Initiativen wie der Grünen Vorwahlen, anstatt diesen ängstlich und mit dem Vorwand obskurer Verschwörungsvorwürfen gegenübertreten. Richtig liegt “profil” also mit der Aussage, dass die Parteien selbst ihr Vertrauen, das bei lediglich 14% liegt, wieder herstellen müssen. Als inhärente Elemente der demokratischen Republik gilt dies allerdings gleichermaßen für die Aufrechterhaltung und vor allem Verbesserung des Systems.
Ein andere Sache ist die der Individualität. So sehen sich 76% der Österreicher dem Individualismus hingewandt, was für “profil” und auch Studienautor Christian Friesl offensichtlich ein Grund zur Sorge ist. So sehr, dass dieser Wert in einer Grafik sogar der Ausländerfeindlichkeit gegenüber gestellt wird, die mit 55% tatsächlich bedenklich hoch ist. Doch dass aus der einen Haltung zwangsläufig die andere resultiert, ist zu behaupten ziemlich müßig. Individualismus bedeutet schließlich nicht Egozentrismus und auch nicht unbedingt Egoismus, sondern vor allem autonome Selbstverwirklichung mithilfe starke Persönlichkeitsrechte. Ein Individualist ist kein Chauvinist, der andere Individuen zwangsläufig ausschließt – im Gegenteil, es gibt auch soziale Individualisten, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen (ob Ausländer oder nicht), dabei aber deren und ihre eigene Unabhängigkeit gewahrt sehen wollen.
Auf die Frage “Sind Sie Individualist?” würde zumindest ich ganz klar mit “Ja” antworten – ohne dass darin irgendeine Form der Ablehnung anderer Menschen mitschwingt. Auf die Studie bezogen müsste man natürlich die konkrete Fragestellung kennen, doch in dieser Form ist es sogar eine sehr positive Sache, dass sich drei Viertel der Österreicher zum Individualismus bekennen. Denn das Gegenteil, ein Kollektivismus – womöglich sogar noch auferzwungen – ist nicht gerade die Einstellung, die man sich als selbstbestimmter Mensch von seinem Umfeld wünschen kann.
Natürlich gibt es immer noch genug Resultate, die Grund zur Sorge aufkommen lassen, zum Beispiel dass der Typ des “Ichbezogenen Autoritären” (obwohl alleine in dieser Bezeichnung wieder der vemeintliche Zusammenhang zwischen Individualismus und Chauvinismus mitschwingt) mit 29% am stärksten in der Bevölkerung vertreten ist, gleich gefolgt vom “Familienzentrierten Konservativen” mit 27%. Oder dass 42 Prozent nur dann Zuwanderung wollen, wenn zunächst einmal für Arbeitsplätze der Inländer gesorgt ist.
Doch wie bei jeder Studie gilt es, Fragestellungen und Befragte genauesten zu betrachten. Denn aus einer vermeintlich repräsentativen Masse eine derart weitläufige Bevölkerungstendenz abzuleiten, kann leicht daneben gehen – wobei man hier die Schuld nicht den Studienleitern, sondern vielmehr hysterischen Analysen geben darf.
Passend dazu gibt es bei mir eine neue Umfrage, die sich mit der angeblichen Demokratieproblematik auseinandersetzt. Über diesbezügliche Kommentare würde ich mich natürlich ebenfalls freuen.



Solche Studien sagen uns mehr über die Ersteller, als über die Befragten.
Bezeichnend fand ich, dass Autoritarismus an einer Person festgemacht wird. Dabei kann dieser genauso von einer technokratischen Funktionärselite ausgehen und wenn, dann ist Politik autoritär, egal wo sie herkommt.
Das betrifft freilich auch Rauchverbote, Glühbirnenverbote, Geschlechterquoten, Verbote aller Art und utopische Gesellschafts-Umbau-Projekte.
In der Glühbirnenfrage auf Chorherrs Blog habe ich das wieder gemerkt. Da wird nur damit argumentiert, dass CFLs besser sind. Dass man die persönliche Meinung nicht allen aufzwingen sollte, ist als Idee offenbar völlig ungeläufig. Diesbezügliche Einwände werden von der Gegenseite nicht einmal registriert.
Die Anhänger der SPÖ und FPÖ sind sich wenigstens bewusst, dass sie autoritär denken. Problematisch ist es, wenn man sich für einen Liberalen hält, nur weil man kein Anhänger eines bestimmten starken Mannes ist.
In der Individualismus-Frage stimme ich dir zu. Wenn alle Menschen Individualisten wären, gäbe es keine Fremdenfeindlichkeit, denn diese ist ein Produkt kollektivistischer Organisation.
Der Kollektivismus würde nur dann Frieden und Freundschaft bringen, wenn alle zur gleichen Gruppe gehörten. Damit werden alternative Gruppierungen zum Problem, die es zu bekämpfen gilt. Und so wird die vermeintliche Lösung zum Problem.
Oh ja, der Terminus “liberal” leidet unter einem inflationären Gebrauch. Jetzt ist alles, was böse ist, neoliberal – und alles Linke liberal. Ziemlich verwirrend, eigentlich.