Header

Rinks? Lechts? Freiheit.

The Flowers Are Gone header image 2

ORF: Nicht nur Programm-, sondern auch Gebührenreform!

16. April 2009 von Mathias · Medien

ORFIch habe mich hier schon mal kritisch über den ORF, seinen Inhalt und sein Bezahlmodell geäußert. Damals wurden meine Ansichten von Kommentatoren als zu radikal empfunden, einige Vorwürfe kamen auf. Teilweise will ich nun darauf eingehen und gleichzeitig nochmals das Zwangsgebührenmodell sowie die sinnlose Verpulverung desselben durch Unterhaltungssendungen und Filmkauf unter die Mängel nehmen.

Die gegenwärtige Situation in Österreich hat sich nicht wirklich geändert, außer dass jetzt an allen Ecken und Enden die “Rettung” des ORF ausgerufen wurde. Konkret geht es dabei einerseits um finanzielle Belange (= Millionenschulden des Staatsfernsehens), andererseits um die nicht mehr zu garantierende “Unabhängigkeit” von der Politik.
Interessanterweise war das Fehlen einer solchen Unabhängigkeit bei der Aufhebung des Gebührenmodells ein damaliger Streitpunkt im Blog, wonach diese nicht gegeben wäre, wenn lediglich Werbeeinnahmen die Haupteinnahmequelle darstellten. Hiermit zeigt sich nun, dass es aufgrund von Postenschacherei und Freunderlwirtschaft völlig unerheblich ist, wie hoch die ORF-Gebühren sind oder inwieweit die 50:50-Regelung (50% der Einnahmen vom zwangsbeglückten Gebührenzahler, 50% aus Werbeeinnahmen) eingehalten wird – durch das höchstwahrscheinlich kommende “KommAustria”-Gesetz, wonach diese dem Kanzler direkt unterstellte Kommission die Objektivität und Unabhängigkeit des ORF kontrollieren soll (im Gegensatz zum jetzigen Bundeskommunikationssenat, der beispielsweise den Generaldirektor oder Stiftungsrat des Vereins absetzen kann und dabei unabhängig agiert), ist die politische Freiheit des ORF nur noch eine Farce – wohingegen Manipulationsversuche durch werbende Unternehmen noch nie bekannt wurden. Und selbst wenn dem so wäre: Der ORF könnte auch auf 50% seiner Einnahmen nicht einfach so verzichten. So gesehen ist die Furcht vor einem von der Wirtschaft übernommenen ORF auch eher als marginal zu betrachten.

Aber es braucht in Wirklichkeit gar keine Abschaffung des Gebührenmodells – sofern dieses auf den Grundsatz der Freiwilligkeit umgemünzt wird. Derzeit ist es schließlich so, dass alleine der Besitz eines empfangsbereiten Fernseh- oder Radiogerätes zu den entsprechenden Gebühren führt – unabhängig davon, ob der ORF nun konsumiert wird oder nicht. Verwirklichen könnte man aber ein Freiwilligkeitsmodell, das auf derselben Technologie basiert, die auch Premiere nutzt: Eine Freischaltung der entsprechenden Kanäle findet nur dann statt, wenn die Gebühren überwiesen wurde, ansonsten bleiben einem als Kabel- oder Satellitennutzer einfach die anderen Sender.
Der Vorwurf, dass hierbei bloß ein weiteres Kästchen zu DVD-Player und Spielekonsole hinzukäme, wird obsolet wenn man sich die derzeitige Situation ansieht:

- Der Empfang des ORF über Satellit ist ohnehin nur mit einer “ORF-Karte”, eingeführt in die Empfangsstation, möglich – bei Fernseheranmeldung erhält man diese, im Falle der Abmeldung muss sie wieder zurückgegeben werden.
- Über das simple Anschließen einer Antenne kann heutzutage nichts mehr empfangen werden – seit geraumer Zeit ist hierfür eine DVB-T-Box notwendig, da das Signal digital versendet und vor dem Eingang in den Fernseher noch decodiert werden muss. Diese Decodierung erst bei bezahlter Gebühr freizuschalten wäre keine nicht zu bewältigende technische Hürde.
- Kabelnutzer letztendlich haben ebenfalls schon zu großen Teilen eine Digitalbox im Wohnzimmer stehen, da die entsprechenden Anbieter (Telekom, UPC) gleichermaßen ein digitales Signal versenden, das der Fernseher an sich nicht lesen kann. Bei einer Nichtbezahlung der Gebühren bestimmte Kanäle (die öffentlich-rechtlichen) einfach nicht verfügbar zu machen ist technisch machbar – nichts anderes passiert, wenn man sich bei UPC für “Digital TV START” statt “Digital TV PLUS” entscheidet und dabei fest definierte Sender nicht empfangen kann.

Dieses und kein anderes Modell entspricht der auf Freiwilligkeit des Handels basierenden Marktwirtschaft, die in allen anderen Bereichen allgegenwärtig ist, nur beim Fernsehkanalempfang ohne Berechtigung ausgeschalten wird. Sicher, für den ORF ist es einfacher, seine GIS-Vertreter von Tür zu Tür zu schicken und Gebühren einzutreiben. “Fair”, so wie das der GIS oft proklamiert, aber keineswegs.

Nur wiederholen kann ich mich hingegen bei der Frage, warum der ORF – hauptsächlich auf ORF 1 – von ca. 1200 Minuten pro Tag 1100 davon mit Unterhaltungsprogrammen (bzw. Werbung) bestücken muss. Warum muss der ORF Hollywood-Blockbuster zeigen, die oft zur gleichen Zeit auf Pro7 oder RTL ausgestrahlt werden? Wieso muss er das Vormittagsprogramm mit Kinderfernsehen vollstopfen, das auf KIKA und Sat1 gleichermaßen zu sehen ist? Warum brauchen wir einen österreichischen Ableger von “Deutschland sucht den Superstar”, warum brauchen wir “Dancing Stars”?
Wer nun meint, dass man diese Inhalte ja zumindest ohne Werbung präsentiert bekäme, hat Recht – aber ist dieser verzichtbare Luxus wirklich 23 Euro pro Monat wert? Und wenn ja, wie lässt es sich rechtfertigen, dass auch die, die diesen Wert nicht anerkennen (wollen), trotzdem zur Kasse gebeten werden?

Das diesbezüglich der Vorwurf aufkam, ohne quotenträchtige Formate, die Werbeeinnahmen bringen, ginge es nicht, ist ziemlich absurd, wenn man bedenkt, dass die Serien ja eben nicht durch Werbung unterbrochen werden. Davon abgesehen wäre es immer noch möglich, zumindest gewisse “Cash Cows” zu behalten, mit denen dann das Informationsprogramm mitfinanziert wird. Also beispielsweise zehn Stunden Sport in der Woche, zehn Stunden Filme und zehn Stunden Eigenproduziertes (selbstverständlich werbeunterbrochen, was für die Kunden attraktiver wäre), deren Werbeeinnahmen dann die Kosten für das Informationsprogramm tragen würden – ganz davon abgesehen, dass immer noch die “Zeit im Bild”, die “Seitenblicke”, “Universum” oder Informationsmagazine wie “Report” erstaunliche Top-Quoten bringen, hinter denen so manches Entertainment-Programm zurücksteht. Die Behauptung, Informationssendungen würden nicht ausreichend Ertrag erzielen, lässt sich also rasch zurückweisen bzw. relativieren.

Was soll dieser abgespeckte, auf einem freiwilligen Gebührenmodell basierende und mit Werbeunterbrechungen versehene ORF denn aber nun senden?
Nun, auch hierzu habe ich mich bereits geäußert: Hauptsächlich Informationsprogramme, wozu man durchaus auch Unterhaltsam-informatives wie “Universum” oder den “Club 2″ zählen kann (letzterer ist ja oft für einen Lacher gut, zum Beispiel wenn Attac-Felber eine “Vermögensobergrenze” fordert). Die genaue Definition bleibt dabei dem ORF-Stiftungsrat überlassen, so viel Vertrauen setze ich in deren Kompetenz schon. Wichtig wäre bloß, dass die Sendungen nicht nach ihrem Unterhaltungs- sondern nach ihrem Informationsgehalt ausgesucht würden. Hand in Hand gingen diese Ausstrahlungen dann mit österreich-eigenen Produktionen, die nicht zwangsläufig informativ, aber auf jeden Fall einzigartig im deutschsprachigen Raum sein müssen. Es ist jedenfalls verständlich, wenn ein Bedürfnis nach nationaler Kleinkunst besteht.

(Dieselben Forderungen gelten im Übrigen auch für das Radioprogramm. Hier wären insbesondere die Existenzrechtfertigungen von Trivialsendern wie Ö3 oder Ö2 zu diskutieren.)

Leider befürchte ich, dass diese Vorschläge in den nächsten fünf, zehn Jahren gar nicht erst zur Diskussion aufkommen. Eher wahrscheinlich ist, dass die Zwangsgebühren nochmals erhöht werden, weil ja quasi der gemeine Zuseher für das Finanzdebakel der ORF-Führungsriege verantwortlich ist und ihm ja ohnehin tagtäglich qualitativ hochwertiges Programm wie “tschuschen:power” oder die dreißigste Wiederholung von “Malcom mittendrin” vorgesetzt wird. Da ist es doch wesentlich relevanter zu garantieren, dass der Kanzler in Zukunft kräftig an einer Indoktrinationsmaschine arbeiten kann, ohne dabei von unabhängigen Institutionen belästigt zu werden…

Foto: “ORF” von Dominik Truschner (Ausschnitt)

Tags: ·····

Bisher 4 Kommentare ↓

  • Collingdale

    Warum muss der ORF Hollywood-Blockbuster zeigen, die oft zur gleichen Zeit auf Pro7 oder RTL ausgestrahlt werden?
    Weil die meisten dann doch lieber auf ORF schauen, da es eben keine Werbung gibt.

  • Mathias

    Das ist mir schon klar, aber dieser “Luxus” ist ein verzichtbarer, wenn man bedenkt, wie viel Geld diese werbefreien Filme kosten. Ganz abgesehen davon, dass man sich ja immer noch die DVD zulegen kann, wenn man einen bestimmten Film unbedingt ohne Unterbrechung sehen will – die kostet zum Zeitpunkt der Rundfunkausstrahlung normalerweise nie mehr als 10 Euro.

  • Ric

    @Mathias:
    Ich Prinzip bin ich vollkommen deiner Meinung. Allerdings würde eine Programmreform nach deinen Vorschlägen dem ORF einen enormen Seherschwund bringen. Neben Vera Russwurm, Eigenproduktionen a la Dancingstars/Starmania und Polittalks zu brisanten Themen sind es gerade die Blockbuster und US-Serien, welche die meisten Seher anziehen. Informationsprogramme interessieren nur eine Minderheit – außer man verpackt sie in das Format “Infotainment” (ein Unwort), bietet den neuesten Klatsch von Angelina Jolie und spickt das ganze mit Lolcats.

  • Mathias

    Darum ja auch die von mir erwähnten “Cash Cows”, die die Quoten und damit die Werbeeinnahmen bringen sollen. Je nach wirtschaftlicher Lage lassen sich diese dann in ihrer Anzahl reduzieren oder vergrößern, solange sichergestellt ist, dass dadurch nur so viel Ertrag erzielt wird, wie unbedingt nötig.

Hinterlass einen Kommentar

Improve the web with Nofollow Reciprocity.