Ich muss mal wieder ein paar Worte zum Amoklauf von Winnenden verlieren. Allerdings handelt es sich dabei um durchwegs kritische – wer sich also nicht damit abfinden kann, dass auch die trauernden Hinterbliebenden sowie ihre Geistesgenossen keineswegs unantastbar sind und ihre kruden Ideen einer handfesten Kritik unterzogen werden müssen, sollte besser nicht weiterlesen. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass ich die Angehörigen der 15 Mordopfer in irgendeiner Art verhöhnen oder ihre Trauer geringschätzen möchte. Darin besteht meinerseits wiederum nicht die Spur eines Interesses.
Fangen wir allerdings mit den österreichischen Grünen an, eine Partei, deren Antworten auf viele andere Fragen ich für durchaus unterstützenswert halte, die sich nun jedoch einen deutlichen Fehltritt geleistet haben. Vor wenigen Tagen prangte auf deren Website, wo jetzt die Offshore-Geschäfte der AUA kritisiert und ein humanes Bleiberecht gefordert werden, die marktschreierische Aussage: “Privatwaffenverbot jetzt!” Hinter dem Banner verbarg sich nichts Geringeres als die Forderung der Grünen nach einem “generellen Verbot ‘privater’ Schusswaffen” – das all jene betreffen würde, die durch den Besitz eines Waffenpasses oder einer Waffenbesitzkarte zum Besitz einer Schusswaffe berechtigt sind und weder Jäger noch Schutz- und Wachpersonal sind bzw. Vereins- oder Sportschützen, die ihre Waffe nicht im Vereinshaus lagern.
Besonders interessant ist dabei die Begründung dieses doch sehr rigiden und natürlich freiheitseinschränkenden Vorschlags, die anhand einer Statistik erfolgt: Laut den Grünen befanden sich zum Stichtag 1. Jänner 2006 259.000 Menschen im Besitz eines Waffendokuments, dem gegenüber “676 vorsätzliche strafbare Handlungen, bei denen mit einer Schusswaffe im Sinne des Waffengesetztes gedroht oder geschossen oder eine solche Waffe mitgeführt wurde” gestellt werden. Wenn man also optimistischerweise den Schwarzbesitz von Schusswaffen außer Acht lässt und davon ausgeht, dass die mehr als Viertelmillion Waffenbesitzer zumindest je eine Waffe besitzen, kommt auf eine legale Waffe ein Viertausendstel Straftat oder genauer 0,26% der angegebenen strafbaren Handelungen. Das ist, gelinde gesagt, nicht viel. Das ist sogar äußerst wenig und eigentlich schon eine Rechtfertigung dafür, zumindest alles beim alten zu lassen und besser nicht am Privatwaffenverbot herumzudoktern.
Doch die Argumentation der Grünen geht weiter: “Tatsache ist, dass private Schusswaffen in den seltensten Fällen zur Selbstverteidigung eingesetzt werden. Demgegenüber stehen viele menschliche Tragödien und Opfer, die ausschließlich aufgrund der Verfügbarkeit von privaten Schusswaffen zu betrauern sind”, heißt es da beispielsweise. Davon abgesehen, dass es eigentlich völlig unerheblich ist, worin nun der Schusswaffenbesitzer die Berechtigung für ebenjenen Besitz sieht (vielleicht kratzt er sich bloß gerne den Rücken damit?), ist die Formulierung des zweiten Satzes äußerst problematisch. Denn wie bereits beschrieben kann man weder ernsthaft von “vielen menschlichen Tragödien” sprechen, noch ist bewiesen, dass diese ohne die Verfügbarkeit von Schusswaffen nicht stattgefunden hätten. Der Affekttäter hätte im Haushalt dann vielleicht nicht zur Pistole, sondern zum Küchenmesser oder zum Bindfaden gegriffen; der planende Mörder hätte sich statt der Handfeuerwaffe Gift oder ein Beil besorgt. Sichere Auskünfte lassen sich darüber selbstverständlich keine geben, doch genau die zur vermeintlichen Tatsache erhobene Vermutung ist wiederum essentieller Bestandteil der grünen Argumentation zum Verbot von Privatwaffen.
Bleibt die Verwunderung darüber, dass diese offensichtliche Fehlleistung den Grünen nicht selbst bewusst wird, wenn sie postulieren, dass “Sicherheit nur durch die Abrüstung der privaten Haushalte möglich” sei. Fraglich ist zudem, wer im Notfall – also wenn bewaffnete Verbrecher mir nach Eigentum und Leben trachten – nun tatsächlich für meine Sicherheit sorgt: ein privates, sofort verfügbares Verteidigungsinstrument, oder ein Staatsbeamter, der erst beordert und auf dessen Eintreffen mehrere Minuten gewartet werden muss.
Und warum springen die Grünen überhaupt auf den Populismus-Zug, der nach dem Amoklauf in Winnenden mit rasanter Geschwindigkeit durch die Politikerriegen rauscht? Immerhin sind sie Partei in einem Land, in dem die letzte vergleichbare Tat 1997 stattfand – zu einer Zeit, in der es ganz nebenbei erwähnt auch noch kein einziges realitätsnahes Gewaltspiel gab.
Weiter geht es morgen in Teil 2, der wie angekündigt einen Brief der Angehörigen der Mordopfer von Winnenden zum Thema hat.



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