Furore in Großbritannien macht derzeit eine recht ungewöhnliche Werbe-Kampagne, deren Produkt ein sorgenfreies und frohes Leben verspricht: Seit Oktober letzten Jahres hängt in über 800 Bussen des Vereinigten Königreiches der Slogan: “There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life.”, der die Menschen zum Nachdenken über die Sinnhaftigkeit eines Gottesglaubens und den Atheismus bringen soll. Initiatorin Ariane Sherine und Unterstützer Richard Dawkins, die mithilfe der British Humanist Association und rund 148.000 Pfund Spendengeldern die Aktion starteten, betonen allerdings immer wieder, dass sie niemanden bekehren, sondern nur zum Hinterfragen anregen wollen.
Klar, dass so etwas den diversen Kirchenvertretern sauer aufstößt, beispielsweise Stephen Green von der Organisation “Christian Voice”, aber auch Busfahrer in Italien sehen sich nun dazu veranlasst zu streiken, weil ihnen die dortige Anzeige sauer aufstößt.
Dennoch zeigte sich gleichermaßen viel positive Resonanz in Resteuropa. So war ebenfalls in Washington DC ein ähnliches Inserat zu finden (”Why believe in a God? Just be good for goodness’ sake.”), wie erwähnt auch im italienischen Genua (”Die schlechte Nachricht ist, dass Gott nicht existiert. Die gut ist, dass du ihn nicht brauchst.”) und in Spanien, wo zunächst nur Busse in Barcelona mit den Sujets ausgestattet wurden, solche in Madrid und Valenzia jedoch folgen sollen – und das, obwohl gerade in Spanien ein enorm großer Teil der Bevölkerung katholisch ist.
Die Gretchenfrage ist nun, ob so etwas auch in Mitteleuropa möglich ist. Ja, meint der private atheistische Weblog Sapere aude und rief zur Unterstützung und Mitarbeit auf. Bisher hätten sich sowohl zwei Berliner Werbeagenturen gemeldet, als auch die deutsche Vertretung der Brights-Bewegung, die Berliner Freidenker sowie die Giordano-Bruno-Stiftung, die für den atheistischen Evolutionären Humanismus eintritt. Dadurch sind einerseits Finanzierungsbehelfe gesichert, andererseits auch eine größere Publicity und Medienwirksamkeit, wenn es um das so wichtige Sammeln der Spenden geht. Auch wenn man sich über die Konkretisierung der Anzeige noch nicht klar ist (siehe Kommentare bei Sapere aude) so tut sich doch immerhin etwas, das über das bloße Reden hinaus geht.
Da ich allerdings Österreicher bin fällt es mir als jemand, der diese Kampagne prinzipiell für äußerst unterstützenswert hält, schwer dort mitzumischen. So geht es offenbar auch anderen Bloggern, wie beispielsweise Oliver Ritter oder dem Feuerhaken, weswegen klarerweise die Idee von einer Verwirklichung hierzulande aufkam. Dies würde nicht nur zeigen, dass auch in Österreich eine atheistische Community besteht, die dererlei Ideen für unterstützens- und nachahmenswert hält, sondern auch ein Gegengewicht zum immer noch sehr eingreifenden Status va. der katholischen Kirche bringen. So sind von den 80,7% Angehörigen christlicher Glaubensgemeinschaften zwar bestimmt nicht alle fundamentale Gläubige, und doch ist der Einfluss von Reaktionären wie Kardinal Christoph Schönborn und dem christsozialen Kader in ÖVP und SPÖ eklatant, was deutlich wird wenn es beispielsweise um die Homo-Ehe, um Abtreibung oder auch Frauenrechte geht. Es ist daher wichtig auch in der Öffentlichkeit, abseits vom Marginalmedium Weblog, eine ausgleichende Haltung deutlich zu machen – und wie könnte das besser funktionieren als durch eine derart öffentlichkeitswirksame Werbung?
Soweit, so gut. Jetzt stehen wir jedoch vor dem Problem, dass hierzulande nicht wirklich eine atheistische Lobby, ähnlich den diversen Freidenkerbünden oder eben der Giordano-Bruno-Stiftung, existiert. Die AG-ATHE (Arbeitsgemeinschaft für AtheistInnen und AgnostikerInnen) macht prinzipiell zwar alles richtig, allerdings ist von medialer Öffentlichkeitsarbeit dort keine Spur. Ich hatte mit dem Präsident des Vereins, Dr. Erich Eder, zwar kurz Mailkontakt, seitdem aber leider nichts mehr von neuen Zielen oder Vorstößen gehört – weder von Eder selbst, noch über Webpublikationen.
Auch die Allianz für Humanismus und Atheismus bringt zwar regelmäßig News und schreibt aufklärerische Artikel, allerdings habe ich auch hier das Gefühl, dass über das Internet hinaus nicht viel geschieht – was kein Vorwurf an den Verein sein soll, mich allerdings ratlos macht, wenn es um unterstützerische Organisationen für eine Bus-Kampagne geht.
So wie die oben genannten Blogger rufe ich also alle InteressentInnen auf, konstruktive Vorschläge zu posten, zu verbreiten und eventuell ein Finanzierungsmodell aufzustellen. Spendengelder dürften im Fall des Falles klarerweise die Haupteinnahmequelle darstellen, doch müssen erst möglichst viele Unterstützer erreicht und angesprochen werden, bevor überhaupt eine realistische Chance der Durchführung besteht. Erst dann können sich Gedanken über eine konkrete Gestaltung bzw. finanzielle Verwaltung gemacht werden, wobei natürlich auch diesbezügliche Vorschläge erwünscht sind.
Links:
» AtheistCampaign.org
» “Atheist Bus” auf Twitter
» Facebook-Gruppe
» Brights Deutschland
» Sapere aude
» Bericht auf Kampagne 2.0
» AG-ATHE
» Freidenkerbund Österreichs
» Atheisten.at



“Atheistenbusse” in Österreich? | Feuerhaken am 18. Jan 2009 um 00:30
[...] Auch Mathias schreibt (lange und lesenswert) [...]
Ob der Atheismus oder Nicht-Theismus salonfähig wird, ist mir recht egal. Wichtiger scheint mir, dass die Salone atheismusfähig werden, der theistische Großraum auf ein menschliches Maß reduziert wird rd um die Übergriffe der einschlägig bekannten Therroristen einzudämmen.
Daher ja für atheistisch behirnte Busse (Bücherbusse?) aber ohne Moral!
So kann man’s natürlich auch formulieren. Ich denke jedenfalls, der Atheismus hat die Köpfe der Österreicher noch nicht erreicht – ähnlich wie in den USA (nur nicht ganz so schlimm) wird er mehr als Exotenmeinung denn als vernünftiger Kontrastandpunkt wahrgenommen – weil der durchschnittliche Bürger zwar nicht Ja und Amen zu allem von Schönborn und seinen Jüngern Verzapftem sagt, Gott für ihn aber dennoch irgendwie präsent sein “muss”.
The Flowers Are Gone » Da hat man sich schon gefreut… am 8. Jun 2009 um 14:14
[...] Weltweit bekannt ist die von Ariane Sherine und Richard Dawkins in Großbritannien gestartete Aktion ja bereits – nachdem dort alles glatt lief, “expandierte” das Vorhaben (dann [...]