Es ist ein ewiges Krux mit der Eheschließung von Homosexuellen. Nachdem die Regierung Gusenbauer am Unwillen der damaligen Familienministerin Andrea Kdolsky gescheitert ist, nimmt man sich für die Regierung Rot-Schwarz 2.0 erneut des Themas an – und schafft es wieder nicht, endlich einmal konkret zu werden. Von einer “Arbeitsgruppe aus Vertretern von Justiz-, Innen- und Frauenministerium” ist die Rede, wobei diese mangels Zusammensprache der zuständigen MinisterInnen noch nicht einmal personell gefestigt wurde. “Bis Ende des Jahres” wolle man eine Lösung finden, lässt die Regierung verlautbaren, und mich wundern warum es für eine derart grundsätzliche Entscheidung, deren Eckpunkte ohnehin schon oft genug ausdiskutiert wurden, ein ganzes Jahr bis zu einer letztendlichen Einigung braucht. Nicht, dass das Thema derart dringend wäre – aber es ist wichtig und entscheidend für eine fortschrittliche und liberale Gesellschaft und sollte deswegen nicht wie ein unliebsamer Stapel Akten im Schrank gebunkert werden.
Die beiden Streitpunkte, die eine Entscheidung offenbar so unmöglich machen, sind ohnehin schnell umrissen: Zeremonie am Standesamt – ja, nein? Adoption – ja, nein?
Besonders zu ersterem Punkt will ich meine Meinung nicht vorenthalten, obwohl ich mir schon mal darüber Gedanken gemacht habe. Damals stellte ich die Frage auf, was es Andere anginge, ob zwei homosexuelle Menschen nun heiraten oder nicht – und kann sie im jetzigen Fall noch mal auf eine wesentliche Fragestellung reduzieren: Wie viele Menschen sind schon regelmäßig am Standesamt?
Man muss es sich immer und immer wieder vor Augen halten: Hier wird der Versuch unternommen, eine Gruppe von Menschen über die elementaren Rechte einer anderen bestimmen zu lassen, obwohl erstere Gruppe mit der Durchführung der Rechte von Gruppe zwei rein gar nichts zu tun hat, davon nicht beeinträchtigt wird und wahrscheinlich auch gar nichts mitbekommt. Was sich mit geschickter Rhetorik womöglich als Demokratie verkaufen lässt, verstößt im Prinzip gegen den Gleichheitsgrundsatz und damit das Grundelement einer jeden aufgeklärten Gesellschaft.
Es geht nämlich nicht, um das zu verdeutlichen, um eine Zeremonie in einer Kirche. (Ganz abgesehen davon, dass bei den reaktionären Meinungen vieler Vertreter derselben ohnehin nicht viele Homosexuelle Lust auf eine kirchliche Trauung haben dürften). Kirchen sollten in der von mir angestrebten und befürworteten völligen Trennung von Staat und Religion wie Privatvereine gesehen werden, die ihre erbrachten Leistungen selbstverständlich auch an Bedingungen knüpfen dürfen – zum Beispiel an die sexuelle Orientierung der Heiratenden. Aber: Der Staat ist keine Religionsgemeinschaft. Er ist Stellvertreter für alle Bürger eines Landes und sollte volljährige, zurechnungsfähige Menschen auch dann vermählen – mit Zeremonie und allem gewünschten Tamtam -, wenn es sich um zwei Männer oder zwei Frauen handelt, die ihre Liebe zueinander nicht nur rechtlich, sondern auch symbolisch gefestigt sehen wollen. Wieso also verwehren sich ÖVP, FPÖ und BZÖ (die im Übrigen nichts Besseres zu tun haben, als die Wracks von Alkolenkern an sich selbst zu verscherbeln) so vehement dagegen, die Ungleichheit zwischen hetero- und homosexuellen Menschen ein für alle mal vollumfassend aufzuheben?
Ich denke, dass in den Köpfen jener Volksvertreter und ihrer Wähler bzw. Unterstützer letztendlich – auch, wenn das natürlich niemand öffentlich zugeben würde – der längst widerlegte Irrglaube herumspukt, die sexuelle Orientierung sei eine willensfreie Entscheidung gleich der, ob man in der Früh das rote oder das blaue T-Shirt aus dem Schrank holt. Vor 200 Jahren hätte man mit dieser These womöglich sogar die intellektuelle Elite überzeugen können – dass heute auch hochrangige Politiker nicht schlauer geworden sind, zeugt nicht wirklich von der Anerkennung wissenschaftlicher Belege über die Starrheit der eigenen konservativen Moral.
Eine andere Erklärung zu finden ist schon deutlich schwerer. Die ewige Berufung auf die Heiligkeit der Ehe aufgrund des religiösen Ursprunges wird schon dann ad absurdum geführt, wenn man die Möglichkeit der Hochzeit für Konfessionslose auf den Standesämtern bedenkt. Dass man sich bei seiner Moral (und demzufolge auch seinen öffentlichen Äußerungen) von seinen innersten Gefühlen leiten lassen sollte, ist ein philosophischer Ansatz, der aber eine humanistische Politik erneut ins Abseits driften lässt und vielmehr ein Chaos der unterschiedlichsten Weltanschauungen ins Parlament zitiert.
Was macht die persönliche Moral also am Standesamt?



Warum soll der Staat überhaupt die möglichen Lebensgemeinschaften durch eine Institution wie der Ehe einschränken? Warum nicht die Ehe endlich abschaffen und durch eine modernere Regelung, die die (unbürokratische) Anmeldung von Lebensgemeinschaften unabhängig ihren Zwecks und Grundes ermöglicht, also unabhängig davon, ob es sich dabei eingeschlechtliche oder mehrgeschlechtliche, monogame oder polyamore, dauerhafte oder zeitlich begrenzte, romantische oder organisatorische Lebensgemeinschaft handelt, ersetzen? Die Anmeldung dieser Lebensgemeinschaften würde dabei nur der Klarheit im Falle von rechtlichen Streitigkeiten (im Falle der Ehe eben die nicht-einvernehmliche Scheidung). Eine solche fehlende Klarheit ist vorallem bei der Auflösung im Streit von eheähnlichen Gemeinschaften auch heute schon ein Problem, da die Gesamtsituation für den Staat nicht ersichtlich ist.
Der Staat sollte auf jeden Fall nicht der sein, der “Ehe macht”, da dem ganzen Konzept Ehe eine eindeutige Sexualmoral zugeordnet werden kann. Er sollte sie zwar, vor allem zu seinem eigenen Wohl, als Lebensgemeinschaft anerkennen, getraut werden sollte aber nur von nicht-staatlichen säkulären oder eben religiösen Organisation werden, nach deren Ermessen und ohne jegliche rechtliche Konsequenz.
Das wäre natürlich der endgültige Schritt – also eine Trennung zwischen der rechtlichen Ehe und der zeremoniellen, die von Privatunternehmen als Dienstleistung angeboten wird und unabhängig von einer eingetragenen Lebensgemeinschaft fungiert.
Allerdings haben solche Ideen wahrscheinlich noch weniger Realisierungsgehalt, weswegen ich mich vorerst lieber für realpoltisch machbarere Formen der Eheschließung einsetze. ;)