Hans-Christian Ströbele von den deutschen Grünen besitzt das einzig vernünftige Verhältnis zu Deutschland-Fahnen (und wohl auch allen anderen patriotischen Symboliken gegenüber): Ein distanziertes. Er gab zu Protokoll, sich während der überbordernden Beflaggung zur Fußball-WM 2006 “unwohl” gefühlt zu haben, diese hätte ihn an “nationale Überbetonung, an nationalistische Tendenzen” erinnert. Eine Tatsache, die ich gut nachvollziehen kann – nicht, dass es mir Unbehagen bereitet hätte, als 2008 hierzulande – zumindest in der Hauptstadt – Ähnliches abging, aber eine derartige kollektive Betonung der eigenen Nationalität ist nicht unbedingt etwas das oft zu Gutem geführt hat.
Besonders interessant sind allerdings die Reaktionen von Ströbeles Mitpolitikern: Von einer “Verhöhnung des Landessymbols” wird da gesprochen, die Aussagen seien “unverschämt und beleidigend”, “der Würde des Bundestags nicht angemessen”, der Bundestagsabgeordnete muss sich sogar als “Politclown, [...] bei dem inzwischen noch ein wenig Altersstarrsinn und Senilität hinzu kommen” beleidigen lassen. Und all das, weil er der deutschen Flagge nicht dermaßen huldigt, wie CDU- und FDP-Politiker das offensichtlich gerne hätten.
Fraglich ist, wie die Situation in Österreich aussähe. Die Reaktion nach der “Nimm ein Flaggerl für dein Gackerl”-Aktion der Grün-Alternativen Jugend war jedenfalls überwältigend negativ; nicht nur die FPÖ sprach von “Inländerfeindlichkeit”, auch andernorts gingen die Wogen hoch. Insofern verständlich, als dem Spruch auch noch der Zusatz “Wer Österreich liebt, muss scheiße sein!” anhaftete, was die patriotischen Gefühle mancher Mitmenschen offenbar zutiefst beleidigte. Ich persönliche verstehe zwar nicht, inwieweit man zu einem derart undurchsichtigen Konstrukt wie dem der “Nation” oder gar zu einer Symbolik derer eine emotionale Bindung aufbauen kann, aber jeder empfindet schließlich anders.
Nur: Bei Ströbeles Aussagen handelt es sich keineswegs um drastische Anti-Deutschland-Sager. Auch die übertriebene Beflaggung in den USA würde ihn stören, eine rein emotionale Aussage, die aber gleichermaßen respektvoll behandelt werden sollte wie jene der Heimatverliebten allerorts. Trotzdem traue ich mich wetten, dass in Österreich Gruppierungen wie die FPÖ oder das BZÖ selbst bei solchen Wortlauten schnell daran wären, einen “Skandal” zu fabrizieren und gar den Rücktritt des entsprechenden Abgeordneten zu fordern. Weil es nicht in das Weltbild eines “Freiheitlichen” passt, dass einer der höchsten Staatsmänner nicht uneingeschränkt, also unreflektierend zur “Nation Österreich” steht, so wie das wahrscheinlich gewünscht wird.
Aber muss ein politisch engangierter Mensch das wirklich? Ist jemand, der in “seinem” Land etwas zugunsten der Bevölkerung verändern will, automatisch ein Patriot oder wenn nicht, ein Heuchler? Oder sollten wir uns nicht langsam vom engstirnigen Nationendenken sowie der weihräucherischen Anbetung beliebig konstruierter Symbole verabschieden – auf dass der österreichische Provinzialismus endgültig begraben wird?



Absolut d`accord!
Wie man zu einem Konstrukt in das man im Grunde nur zufällig hineingeboren worden ist, eine derartige emotionale Bindung eingehen kann, ist mir seit Jahren nicht ganz begreiflich. Sogar Schopenhauer war schon der Meinung, dass jene Menschen einfach zu wenige individuelle Eigenschaften haben, auf die sie stolz sein könnten und sich dadurch an Substitutionsbegriffe wie “Nation” oder “Volk” klammern.
Trotzdem bleibt, meiner Ansicht nach, die Aktion von der Grün-Alternativen Jugend nicht in Ordnung, aber davon hat sich vdb bereits ein paar Mal distanziert.
Ist das wirklich so unvorstellbar für euch, daß jemand stolz auf sein Vaterland, auf seine Vorfahren ist?
Was studiert ihr?
Unvorstellbar in dem Sinne, dass ich dahinter keinerlei rationale Begründung sehe. Ich verstehe es, wenn jemand die österreichische Landschaft toll, seine eigene Nachbarschaft sympathisch oder die Prosa von Schnitzler und Horváth schön findet.
Aber Stolz? Stolz ist für mich etwas anderes – beispielsweise so etwas wie der Stolz auf eigens erbrachte Leistungen jeglicher Art, der Stolz, etwas erreicht und geschafft zu haben. Weswegen aber sollte ich stolz darauf sein, dass ich zufälligerweise in diesem Land geboren wurde und nicht ein paar Tausend Kilometer weiter östlich? Wieso sollte ich stolz auf die Errungenschaften unserer so genannten Dichter und Denker sein, obwohl die lange vor meiner Geburt gelebt haben? Wieso sollte ich stolz sein, wenn 11 Menschen, die ich noch nie in meinem Leben getroffen habe, bei einem sportlichen Wettkampf einen Erfolg erzielen? Das leuchtet mir beim besten Willen nicht ein.
Ich studiere übrigens Germanistik. Was hat das damit zu tun?
Es wäre bestimmt nicht politisch korrekt, wenn ich hier meine Meinung über Hans-Christian Ströbele detailliert äußern würde. Ein CDU-Politiker sagte ja über ihn, er sei ein „Politclown, ein Wirrkopf, bei dem inzwischen noch ein wenig Altersstarrsinn und Senilität hinzu kommen“. Volker Beck, Ströbeles Parteigenosse und führender Schwulenlobbyist des Landes, nannte das unverschämt und beleidigend. Das ist es natürlich auch, deshalb haben sie ja auch beide Recht.
Dass Herr Ströbele ein problematisches Verhältnis zu seinem Land hat, das sei ihm gegönnt. Trotzdem war ihm damals nicht so unwohl, dass er das Bett hätte hüten müssen. Stattdessen hat er sich „ein Fähnchen geben lassen, auf dem auf der einen Seite die türkische Flagge ist und auf der anderen Seite die deutschen Farben.“ Jedem das Land, dass er sich wünscht – in Ströbeles Berliner Bundestagswahlkreis sieht es eben anders aus als im Rest der Bundesrepublik. Dennoch darf man zweifeln, ob seine Integrationsbemühungen – Nationalhymne auf Türkisch, „Wort zum Freitag“, ein muslimischer Feiertag und vielleicht auch noch das Verbot, öffentlich eine schwarz-rot-goldene Fahne zu zeigen – zielführend sind oder nicht vielmehr von grotesker Naivität zeugen, wenn nicht gar von – nun ja: Altersstarrsinn und Senilität?
Mir war seinerzeit übrigens auch unwohl, allerdings weniger wegen der Beflaggung, als auf Grund der Tatsache, dass jedermann durch Fußball zur Hysterie getrieben wurde. „Nationalistische Tendenzen“ konnte ich dennoch keine entdecken, aber wenn man sich freilich die entsprechende (braune) Brille aufsetzt, entdeckt man selbst auf schwarz-rot-goldenem Grund noch ein Hakenkreuz. Besser, wenn’s ein Halbmond wär!
@ Mathias: Meinen Glückwunsch übrigens zur Studienwahl. Ich möchte allerdings mit (lokal-)patriotischer Gesinnung darauf hinweisen, das Ödön von Horváth u.a. an „meiner“ Universität studiert und in „meiner“ Heimat gelebt hat. In der „Italienischen Nacht“ hat er „uns“ ein denkwürdiges Zeugnis ausgestellt.
Übrigens halte ich es für wichtig, besonders für Personen in öffentlichen Ämtern, dass sie ein positives Verhältnis unterhalten zu dem Staat und seinen Bürgern, über die sie regieren sollen. Bei Herrn Ströbele kann ich das nicht finden, darum gehört er für mich auch zu den unwählbaren Politikern (zweifellos sind die deutschen Grünen aber auch ohne ihn unwählbar). Ich finde diese Nationalstolzdebatte alles andere als erbaulich. Letztendlich geht es dabei um eine Frage persönlicher und kollektiver Identität. Zweifellos besitzt jeder Mensch verschiedene Identitäten, aber es scheint mir ebenso falsch zu sein, diese in die eine (die nationale) wie in die andere (die nicht-nationale) Richtung zu verkürzen.
Zu Ströbele allgemein: Was der Mann sonst noch fordert oder ausspricht, weiß ich leider nicht, da fehlt mir aktuelles Wissen über die deutsche Politik. “Nationalistische Tendenzen” ist sicher übertrieben, aber immer dort wo eine Flagge zu starke Symbolik zugewiesen wird (oder auch einem Konstrukt wie “der Nation”) wird’s in meinen Augen problematisch. Jemand, der das Dritte Reich noch miterlebt hat, sieht das sicher noch viel kritischer als ein Jahrgang ‘60 und aufwärts, aber auch ich sehe im (Flaggen-)Patriotismus weder Sinn noch Zweck.
Zu Horváth: Naja, was nun “Österreichische Literatur” (bzw. ein österreichischer Schrifsteller) vor ‘45 ist, ist sowieso eine strittige Frage in der Literaturwissenschaft. Man könnte deiner Anmerkung natürlich entgegenhalten, dass die “Geschichten aus dem Wiener Wald” wiederum ein typisch österreichisches Stück sind, das Horváths Wurzeln hierzulande markiert. ;)
Ansonsten: Positives Verhältnis klar, ich denke das hat man alleine dadurch, dass man nicht den Löffel wirft und auswandert bzw. sich in Raunzerei vergräbt, sondern aufsieht und die Motivation zur effektiven Veränderung behält. Das ist mir ehrlich gesagt positiv genug, da muss man keinen Eid auf die Flagge mehr schwören oder bei jeder Gelegenheit inbrünstig die Nationalhymne anstimmen.
Verkürzen will ich jedenfalls gar nichts, ich kann bloß diese “nationale Identität” kaum nachempfinden. Privat darf natürlich jeder empfinden wie er will (deswegen habe ich auch angemerkt dass es in Ordnung ist, wenn man sich über den Spruch der Grünen ärgert), aber ob man sich durch die Zugehörigkeit zu einer Nation unbedingt in der Öffentlichkeit behaupten muss, bleibt fraglich. Ich würde es begrüßen wenn viel mehr Menschen stolz auf das wären, was sie selbst leisten und nicht darauf, wo sie geboren sind und wer in diesem Land noch gewirkt hat.