Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass FPÖ-Abgeordnete Barbara Rosenkranz zu den Buchautorinnen übergegangen ist und das mitunter sogar auf wissenschaftlicher Ebene – möchte man glauben machen. Im Ares-Verlag, in dem auch Bücher mit klangvollen Namen wie “Multikulturalismus und die Politik der Schuld” oder “Die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg” erschienen sind, wird seit Kurzem ihr Buch “MenschInnen – Gender Mainstreaming – Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen” vertrieben. Es ist ein Pamphlet gegen den “Gender-Wahnsinn”, der Rosenkranz nach einer elitären Verschwörung zugrunde liegt, die mit dem Volkeswillen nichts mehr zu tun hat und gleichzeitig sowohl die Geschlechterrollen, als auch die Tabuisierung der Homosexualität abschaffen möchte.
Bei so einem brisanten Thema hat es sich “dieStandard.at” natürlich nicht nehmen lassen, das Buch einer Kritik zu unterziehen. Erwarteterweise kommt dabei nur wenig Positives heraus, was sich jedoch mit den Ansichten, die in anderen Medien publiziert wurden, großteils deckt. Lediglich die “Presse” geht es etwas gemäßigter an und kann dem Buch durchaus auch gute Seiten abgewinnen.
Was aber das wirklich Interessante ist, und darauf will ich hinaus, sind die Usermeinungen beider Seiten zu dem Thema. Diese sind nämlich überraschend deckgleich – auch wenn man es bei der Presse mit differenzierter Betrachtung nicht allzu genau nimmt und die Hälfte der Kommentare sich in unbedingtem Lob ausdrückt. Bei Standard hingegen lassen sich zwar kritische Stimmen finden, allerdings auch viele User, denen der “Gender-Wahnsinn” offenbar ebenso gegen den Strich geht. Und das zumeist nicht, weil sie Homosexualität als “Kultur des Todes” (O-Ton Karlheinz Klement) diffamieren oder die Gleichstellung der Frau in ihrer Richtigkeit bestreiten, sondern aus weitaus banaleren Gründen: Das Binnen-I nervt.
So heißt es da auszugsweise:
Ich finde es teilweise extrem nervig und störend wo dieses “Innen” teilweise eingesetzt wird. (”EntwicklerInnenstudio” ist ja z.B. keine Berufsbezeichnung – da hat das nix drin verloren, im Gegensatz zum Wort “EntwicklerInnen”)
Also ich werde dieses Buch sicher nicht lesen [...] aber mit dem Titel trifft sie meiner Meinung nach einiges auf den Kopf. Obwohl ich eigentlich nur gegen die Vergewaltigung unserer Sprache mit dem ewigen Innen bin.
Seit ich wo “MitgliederInnen” gelesen habe, habe ich eigentlich die Nase von dem Schmarrn voll. Die Menschheit so verblöden … (und auch noch stolz auf den eigenen Pseudo-Modernismus sein.)
Und so weiter.
Nein, das “Neusprech” ist nicht die einzige Argumentation gegen die feministisch orientierte Bewegung. Aber meist die erste, die vorgebracht wird – nach dem Motto: “Es ist eine Frechheit, dass ich jetzt meine Sprache abändern muss, nur wegen ein paar Frauen!”. Da kommen plötzlich die ganzen Sprachpatrioten ans Tageslicht und kämpfen tapfer für die alten Werte des Deutschen, machen dabei aber den Fehler, ihre Kritik gleich auf die gesamte These der umfassenden (also nur unter anderem sprachlichen) Gleichberechtigung zu legen. Es ist schließlich auch einfacher, jemanden – besonders im persönlichen Gespräch – mit einer solch emotional basierten Begründung von seiner Ansicht zu überzeugen oder sie zumindest zu rechtfertigen als mit tiefergehenden Argumenten, die zudem nicht auf halbgare Konspirationstheorien basieren. Von einer tieferen Befassung mit dem Thema oder auch nur Kreativität zeugt sie aber nicht.
Dabei bin auch ich gegen das Binnen-I. Und das nicht, weil mich “SchülerInnen”, “Studenten/Studentinnen” bzw. “Autofahrende” zu schreiben derart stören oder ich mich in meiner sprachlichen Freiheit eingeschränkt oder gar behindert sehen würde. Ich denke bloß, dass die Idee damit falsch angegangen wird. Auch wenn die Sprache das Denken beeinflusst: Es wird einfach viel zu viel Mühe darauf verwendet, in jeder Situation politisch korrekt zu reden, anstatt sich auf konkrete Probleme zu konzentrieren. Frauen verdienen durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer, werden am Arbeitsplatz, als auch im täglichen Leben – wenn auch in geringerem Ausmaß als früher – weiterhin diskriminiert, und wenn man von einem Abgang vom Patriarchat sprechen kann, dann nur von einem äußerst langsam vonstatten gehenden.
Und genau hier gilt es, konkrete Lösungsmethoden vorzuschlagen, einzubringen und durchzusetzen. Das Geld und die Mühe, die man fürs “Gendern” von Texten aufwendet, lieber in kreative Ideen zu investieren. Und schlussendlich auch jenen das Futter zu nehmen, die die “sprachliche Verunstaltung” immer noch aus Ausrede dafür hernehmen, im Grunde mit einer umfassenden Gleichstellung von Mann und Frau ihre Probleme zu haben; um das Plakatieren von zynischen Titeln wie “MenschInnen” in Zukunft wirkungslos zu machen. Oft zeigt sich, dass nämlich wirklich nicht mehr dahinter steckt als konservative Moralen und falsch verstandener Männerstolz.



Obwohl ich mich auch nicht mit dem Binnen-I anfreunden kann, halte ich es eher für ein notwendiges Übel. Sicher geht es dabei nur um Sensibilisierung und erhobene Zeigefinger, aber ich glaube, viele Menschen werden erst durch solchen Schmafu auf die Thematik aufmerksam. Dass das ganze dann auch Trotzreaktionen auf der Männerseite hervorruft glaub ich gerne, aber als Happen damit die Feministen Ruhe geben würd ich’s dann doch nicht sehen.
Und solange nicht irgendwo ein überbezahltes zwölfköpfiges Gremium sitzt und alles Geschriebene auf Gender-Korrektheit prüft, glaub ich nicht, dass das Binnen-I der Gleichberechtigung der Frau im Wege steht.
Grüsse vom Internetz :)
Martin
Lieber Mathias, an anderer Stelle hast Du mir ja dankenswerter Weise zugestimmt (es ging dort um den normierenden, zerstörenden und tötenden Kapitalismus). Das war mir Anlass genug, Dein Blog zu konsultieren und nun an dritter Stelle meinen unmaßgeblichen Senf dazuzugeben. Unsere Übereinstimmung führt wohl leider nicht allzu weit.
Zur Binnenmajuskel will ich nicht viel sagen: Ich halte sie, wie übrigens nahezu alle gender-politisch korrekten Neuschreibungen für grammatisch und politisch falsch sowie nachgerade hässlich.
Was aber war der Anlass für Deinen Blog-Eintrag?
Es ging um ein Buch der Frau Rosenkranz, das sich vehement dem Kampf gegen das Gender Mainstreaming gewidmet hat – im Augenblick, nicht nur in Österreich, ein Lieblingskind der Rechtskonservativen (und nicht nur dieser). Glücklicherweise weiß kein Mensch, was Gender Mainstreaming eigentlich sein soll und infolgedessen kann es weder in positiver noch negativer Hinsicht sonderlich folgenreich sein, wenn man politisch neuerdings nur noch davon spricht und nicht mehr von Gleichstellung oder Gleichberechtigung. Sofern es bei Gender Mainstreaming tatsächlich um nichts anderes geht als um die Gleichstellung der Geschlechter kann ich zumindest auch wenig daran aussetzen. Die von Dir angesprochene rechte Verschwörungstheorie geht allerdings davon aus, dass es sich um den Versuch handelt, linksradikales Gedankengut durch die Hintertür in die Mehrheitsgesellschaft einzuführen. Was weiß ich, ob sie damit Recht haben? Die Behauptung aber, die Differenz des natürlichen Geschlechts (Sex) sei ebenso wie die des sozialen Geschlechts (Gender) konstruiert, ist schlichtweg falsch. Darum ist Gender Mainstreaming entweder ein überflüssiger neuer Begriff für eine alte Sache oder eine Politisierung eines falschen theoretischen Konzepts.
Was mich an der Gleichstellungsdebatte jedoch generell stört, sind nicht in erster Linie ungerechte Konzepte (Stichwort: Quote) oder die Verschwendung öffentlicher Gelder (Stichwort: Frauenbeauftragte), sondern vor allem die Methode, mit welcher politischen Forderungen Nachdruck verliehen wird. Das ist nämlich nicht allein schlichter Lobbyismus, sondern – man sieht sich ja moralisch im Recht – die skrupellose Ausübung von Macht über die diskursive Sphäre. Mit anderen Worten: man bedient sich z.B. der Political Correctness, um Kritiker mundtot zu machen und die eigenen Ansichten in der Öffentlichkeit als die allein richtigen zu verbreiten. Wie war das noch mit der offenen Gesellschaft und ihren Feinden?
Heute geschieht, den Feministinnen und Feministen sei Dank, Folgendes:
1. Man produziert neue Probleme (z.B. das der korrekten Schreibweise von Berufsbezeichnungen).
2. Man ignoriert gegenläufige Tatsachen (z.B. gilt es erstaunlicherweise nicht als Problem der Geschlechtergerechtigkeit, dass es weniger männliche Studenten gibt als weibliche, mehr männliche Schulabbrecher als weibliche – auf der Ebene von Professoren oder Unternehmenschefs ist es dann aber eines).
3. Man interpretiert Fakten systematisch zu den eigenen Gunsten, mit anderen Worten: man lügt. Bestes Beispiel hierfür: die angeblich 22-prozentige Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen, von der überall gesprochen wird, ohne darauf zu achten, was in entsprechenden Studien eigentlich erhoben wird. Dort werden nämlich gerade nicht Frauen und Männer in den gleichen Positionen verglichen, sondern das Einkommen von Frauen und Männern generell; so sind etwa höhere Teilzeitarbeit, Kindererziehungszeiten und die geringere Erwerbsquote von Frauen eingerechnet – mit anderen Worten: Frauen mögen vielleicht 22 Prozent weniger verdienen als Männer, aber warum das so ist, dass lässt sich anhand dieser Zahl nicht feststellen. Derartige Feinheiten lassen sich natürlich schwerer vermitteln als handfeste Propagandafloskeln.
4. Man heuchelt: Angeblich gehe es um Gleichstellung – tatsächlich geht es um die Besserstellung der eigenen Klientel. Angeblich soll es um die gleiche Freiheit aller Bürger gehen – tatsächlich sind Frauen, die dann trotzdem freiwillig „daheim am Herd“ bleiben undankbare Bürgerinnen zweiter Klasse. Und letztendlich sind doch die Männer an allem Schuld. Oder hat man schon einmal von „Terroristinnen und Terroristen“ gehört oder gar von „KinderschänderInnen“?
Kurz gesagt: Ideologie war noch nie eine gute Basis für vernünftige Politik.
The Flowers Are Gone » Die Vorwahlen und ich am 9. Jun 2009 um 23:30
[...] Gendern verstehe, weil ich eher der Ansicht bin, dass diese Praxis den Frauen letztendlich mehr schadet denn nützt. Oder durchaus der Meinung bin, dass sich Marktwirtschaft und Umweltschutz vereinbaren lassen, wenn [...]