Wahlkampf, Stimmenfang, Populismus, Rechtsruck. Und nach all dieser aufwühlenden Zeit ein Ereignis, mit dem man bestimmt nicht gerechnet hat: Jörg Haider, prominenter Kopf des BZÖ, stirbt bei einem Autounfall.
Ich habe mir oft überlegt, was ich in so einem Fall empfinden soll – zwar meist in Hinsicht auf den Tod HC Straches, aber die beiden Kontrahenten schenken sich in Sachen politische Widerwertigkeit ja nicht mehr viel. Und ich muss zugeben, beim Lesen der Nachricht durchaus geschockt und verwirrt gewesen zu sein. Das mag an der Unerwartetheit des Ereignisses liegen, aber auch an den diffusen Gefühlen zum Tod eines Menschen, dessen Menschlichkeit man oftmals vergeblich suchte. Haider war zweifellos ein hochrangiger Politiker, der Österreich maßgeblich prägte. Ob zum Positiven oder Negativen ist Ansichtssache – Fakt ist, dass er schon vor einem Herrn Strache, einem Herrn Faymann und einem Herrn Van der Bellen Karriere in den politischen Ämtern machte und von Anfang an polarisierte. Seinen Höhepunkt erreichte Haider, als er, damals noch unter der FPÖ, mit 26,9% als Zweiter in den Nationalrat einzog – 1999 in der schwarz-blauen Koalition. Unvergesslich sind wohl die Donnerstagsdemo, die EU-Sanktionen zum Wahlausgang und Christoph Schlingensiefs “Ausländer raus!”-Container, der ein zynisches Abschiebungsspiel mit FPÖ-Sprüchen bewarb.
Trotz aller politischen Relevanz der Herrn Haiders fällt es mir schließlich und endlich schwer, um seine Person zu trauern. Verdient hat er den Tod ganz gewiss nicht – nicht nur, weil ich es mir niemals anmaßen würde darüber zu entschieden, wer sterben sollte und wer nicht; auch, weil seine verabscheuungswürdigen Taten und Aussagen mich dennoch nie dazu bringen würden, ihm den Tod zu wünschen.
Aber: Jemandem, der mit antisemitischen Aussagen kein Problem hat, sich gegenüber Minderheiten aller Art arrogant und hochnäsig verhält, Verfassungsgesetze mit einem Lächeln bricht und das Denunziantentum als konforme Art der Verbrechensbekämpfung sieht, meine ehrliche und tiefste Trauer zukommen zu lassen, wäre genauso widerlich – denn es stünde nichts als Heuchelei dahinter.
Ich bin deswegen gespannt, was vor allem die linksgerichteten Medien dazu zu sagen haben werden. Wir wissen ja: In den Archiven schlummern Hunderte von vorgefertigten Nachrufen, die im Fall des Falles bloß hervorgerufen und leicht abgeändert werden müssen. Aber immerhin gibt es noch Leitartikel, Kommentare und persönliche Stellungennahmen hochrangiger Journalisten – und ob sich diese der Gefahr des Heuchlertums entziehen können, ist eine interessante Frage. (Der Lindwurm, selbst Kärnter, schafft es übrigens – wie so oft – ziemlich gut.)



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